Seit 2009 fördere ich Evelyn. Ich lasse mir in der Schule von der Prinzipalin und ihrem Klassenlehrer bestätigen, dass ihre Angaben mir gegenüber stimmen. Evelyn benötigt nach ihrer Schwangerschaft eine neue Schuluniform. Die Schüler dürfen die Kayengona Schule nur mit Schuluniform betreten. Evelyn falle das Lernen nicht leicht, sie sei aber fleißig, erfahre ich von ihrem Lehrer.

Am 23. Dezember 2010 erhalte ich die Bestätigung, dass Evelyn ihren Abschluss geschafft hat und im Januar die 11. Klasse besuchen darf. Ihr Berufswunsch ist Krankenschwester. Damit sie sorglos die Schule absolvieren kann, übernehme ich zum Schulgeld die Internatskosten. Evelyn muss nun nicht mehr 90 Minuten zur Schule laufen, bekommt dreimal täglich zu essen und hat Licht zum Lernen auch nach Sonnenuntergang. Es scheint ihr an nichts zu fehlen. Ich bin jedoch all die Zeit nicht beruhigt. Während bei allen anderen gesponserten Schülern dreimal im Jahr die Zeugnisse vorgelegt werden, erfahre ich nur mündlich von Evelyn ihre Ergebnisse. Sie habe ihr Zeugnis gerade nicht dabei, es liege in der Schule oder so ähnlich. Gegen Ende des letzten Jahres erfahre ich von Amelia Pedro, von der Lehrerin die für zu fördernde Schüler zuständig ist, dass mein Sorgenkind das Klassenziel nicht erreichen wird. "Ich habe keine Probleme, ich besuche nächstes Jahr die 12. Klasse und bekomme meinen Abschluss", versucht mich Evelyn zu beruhigen. "Wenn du die 11 nicht wiederholen willst, um dich zu verbessern, bezahle ich die Prüfungsgebühr von 50 € erst am Ende der 12, wenn ich weiß, dass du bestanden hast." Der Unterrichtsstoff wird in Namibia ab der 7. Klasse zusammenhängend über zwei Jahre vermittelt, also auch die 11. und 12. Klasse. Es ist deshalb möglich, trotz nicht erreichter Punktzahl die 12. Klasse zu besuchen. Allerdings sollen die Schüler in der elften Klasse mindestens 20 von 42 möglichen Punkten erreichen. Evelyn versucht mich noch einmal zu überzeugen, bitte bezahle meine Prüfungskosten. Ich bleibe hart und sie wiederholt widerwillig die 11. Klasse.
Während meiner Zeit hier in Namibia organisiere ich einen Gesprächsnachmittag mit allen gesponserten Schülern der Klassen 8 bis 12. Wir sitzen fröhlich zusammen bei einigen Leckereien und die Schüler berichten mir über ihre Ergebnisse und Probleme. Wir sprechen darüber, wie die Schüler ihre Internatszeit zum gemeinsamen Lernen nutzen können. Von Evelyn erfahre ich, sie habe ihr Zeugnis verloren und will sich ein neues ausstellen lassen. Sie habe keinerlei Probleme. "18 Punkte sind aber nach Wiederholen der 11. Klasse zu wenig, du musst hart arbeiten. Ich kann dich so nicht weiter fördern", entgegne ich ihr.

Gestern in der Schule berichtet mir Amelia Pedro, dass bei Evelyn kein Fortschritt zu verzeichnen sei. Mit 14 Punkten kann sie nicht in die zwölfte Klasse wechseln. Sie habe versucht, ihr Zeugnis zu korrigieren. Sie habe das Internat auf eigenen Wunsch mitten im ersten Drittel des Schuljahres verlassen. Ich werde Evelyn noch ein letztes Mal zum Gespräch zu mir bitten und ihr dabei mitteilen, dass ich ihre Förderung beende. Sie hat mich zu sehr getäuscht.

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