Im Jammertal

Schon gehört?
Sie können sich Ihre Nachrichten jetzt auch vorlesen lassen. Klicken Sie dazu einfach auf das Play-Symbol in einem beliebigen Artikel oder fügen Sie den Beitrag über das Plus-Symbol Ihrer persönlichen Wiedergabeliste hinzu und hören Sie ihn später an.
Artikel anhören:

Dieser Text kommt direkt aus dem rechten Zeigefinger geklimpert. Die linke Hand ist kaputtgegangen, und zwar am Muttertag und noch bevor ich mich an den Frühstückstisch setzen konnte, der einmal im Jahr für mich gedeckt wird. Diesen Termin habe ich verpasst. Aber weil es sechs Wochen dauert, bis die linke Hand wieder betriebsbereit sein wird, habe ich an ein Muttertagswunder zum kleinen Preis geglaubt. Sechs Wochen ohne Hausarbeit. Keine Wäsche waschen, nichts kochen, kein Klo putzen. Nicht einmal selbst anziehen müsste ich mich. Nur den Müll könnte ich hin und wieder rausbringen, ganz freiwillig.

Das menschliche Auge ist ein faszinierendes Organ, das sich schnell an seine Umgebung gewöhnt. Auch an Gipsverbände. Die Chronik eines Spaziergangs durchs Jammertal:

Tag 3. Mein Mann zieht mir frische Jeans und ein frisches Shirt an. Er kämpft mit dem Hosenknopf und mault, weil ich keine Jogginghosen besitze. Kind 2 übernimmt diese Aufgabe nach dem Toilettenbesuch und mault ebenfalls. Ich kaufe mir viel zu kleine Jeans, sagt Kind 2.

Tag 6. Meine Familie hat mich zu Hause sitzen gelassen. Es ist halb vier, und ich habe noch nichts gegessen. Ich suche nach Essensresten in der Küche, finde zwei Scheiben Knäckebrot im Schrank und belege sie mit Salatblättern.

Tag 8. Ich bekomme von meinem Vater das einmalige Angebot, zum Einkaufen gefahren zu werden. Große Freude! Am Kiosk kaufe ich mir drei Zeitungen und beschließe, fortan stärker über meine Hilflosigkeit zu jammern. Anschließend möchte ich mich in die Sofakuhle meiner Kinder fallen lassen und lesen. Ich habe noch keine eigene Sitzbeule in unserem Sofa.

Tag 10. Kind 1 und Kind 2 lehnen es ab, weiterhin Frischwäsche zu sortieren und in kleine Pakete zu falten. Das sei mit Abstand die sinnloseste Beschäftigung, die sie bisher ausprobiert haben. Sie beschließen, ihre saubere Kleidung bis zu meiner Genesung direkt aus dem Wäschekorb zu nehmen. Mir empfehlen sie das übrigens auch.

Tag 15. Kind 1 reißt mir beim Anziehen die Gürtelschnalle ab. Es will mich trösten und sagt, die Hose halte auch ohne Gürtel auf meinen Hüften. Ich bin inzwischen geschickt mit den Zähnen. Wenn ich Gummibärchen aufreiße, halte ich die Tüte mit dem Kiefer fest.

Tag 18. Meine Freundin kommt überraschend zum Krankenbesuch und hat Sekt mitgebracht. Niemand kocht für mich, niemand putzt für mich, jammere ich und erzähle, dass ich mich auf sechs Wochen ohne Hausarbeit gefreut hätte. Sie kippt die Sektflasche in zwei Burgundergläser und sagt: „Das funktioniert nur, wenn du ein Mann bist!“

Weitere Blog-Einträge

30 Tage für 22,49€ 0€ testen
Testen Sie die digitale Freie Presse unverbindlich.
Erhalten Sie Zugriff auf alle Inhalte auf freiepresse.de
(inkl. FP+ und E-Paper). (endet automatisch)
 
30 Tage für 22,49€ 0€ testen
Zugriff auf alle Inhalte auf freiepresse.de und E-Paper. (endet automatisch)
Jetzt0€statt 22,49 €