Kind 1 hat es gern, Freunde um sich zu versammeln. Am liebsten holt der Junge sie zu uns nach Hause. Hier gibt es den Apfelsaft, den er mag, und außerdem ist er hier der Bestimmer. Er steigt auf seinen Roller, fährt die Straße auf und ab und klingelt bei den Kumpels, auf deren Gesellschaft er gerade wert legt. Ganz selten passiert es, dass er allein von seiner Runde zurückkehrt. Dann lässt er sich in den Flur plumpsen und bittet darum, dass man ihm zum Trost ein bis zwei Schokoriegel reiche.

Neulich war das so. Er hockte im Flur und bedauerte seine Kameraden Anton und Paul. Die wurden daheim von ihren Eltern festgehalten und mussten Mathe lernen. Meine Empfehlung, er könnte die Gelegenheit nutzen und auch ein bisschen Mathe lernen, wies er empört zurück. Das Wetter sei schön, rechnen sei kein Problem für ihn, und außerdem habe er Feierabend. Erwachsene hätten nach ihrer Arbeit auch Feierabend, und deshalb stünde ihm das als Kind erst recht und in besonderem Maße zu. Dann klingelte es, dreimal im Abstand von vier Minuten. Besuch für Kind 1. Seine sechs bis zehn besten Freude bekamen überraschend doch noch Auslauf. Im Flur wuchs ein Häuflein aus Jacken auf dem Fußboden. Kind 1 findet es in Ordnung, wenn seine Kumpels ihre Jacken auf dem Boden ablegen. Er sagt, dann müsse ich wenigstens nicht so häufig wischen. Außerdem schone das die Tapete hinter dem Kleiderhaken, was ja ganz in meinem Sinne sei.

Die Kinder schlüpften in sein Zimmer. Ich habe mich gut daran gewöhnt, dass mein Bett in einem Kinder-Tagestreff steht. Diesmal war es mir aber zu laut. Nicht, dass jemand gebrüllt hätte oder geheult. Aber es klang, als würde eine Elefantenherde Seil springen. Ich öffnete die Kinderzimmertür, um eine Erziehungsmaßnahme zu ergreifen, da sah ich das: Alle Kinder standen in Reih und Glied, der Größe nach aufgefädelt, und marschierten auf der Stelle. Davor schritt mein Sohn auf und ab, die Hände auf dem Rücken verschränkt, und erteilte Kommandos. Auf die Frage, was man da gedenke zu spielen, erklärte Kind 1, seine Freunde absolvierten gerade einen Soldatenlehrgang. Das sei wichtig für ihre Entwicklung. "Und Abmarsch!", kommandierte der Junge, woraufhin sich der Trupp in Bewegung setzte. Sie marschierten in den Garten und setzten ihre Ausbildung friedlich im Gelände fort.

Ich weiß nicht, woher er das hat. Wir sind für Brot statt Böller und Pazifisten. Aber bitte. Kein Problem. Wenn er unsere Erziehung zu lasch findet, kauf ich mir 'ne Uniform.

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