Neuer Versuch: die Fahrradtour. Ich hatte eine schwere Kindheit, denn meine Eltern wollten nie mit mir Fahrrad fahren. Musste ich immer alleine machen oder mit Udo, meinem besten Kumpel. Jedenfalls wusste ich schon damals, dass ich eines Tages mit meinen Kindern Radtouren unternehmen würde. Wir würden über blühende Blumenwiesen fahren, hin und wieder eine Decke ins Gras legen, darauf ruhen und zufrieden in den Himmel starren.

Kind 2 findet Fahrräder blöd. Wie Ketchup ohne Zucker. Fahrräder hält das Mädchen für Fortbewegungsmittel älterer Leute, die ihre Körper in enge Kleidung pressen und einen auf Sportler machen. So stand ich gerade im Flur. Ein Würstchen in bunter Pelle. Da sagte Kind 2: „Ich will mit!“ Und Kind 1: „Ich auch!“ Wir wohnen auf einem Berg.

Zuerst rollten wir ihn hinunter, den Berg. Ist schön, so zu rollen. Meine Tochter verkündete, dass sie schon lange keine so angenehme Radtour unternommen habe. Und dann kam der nächste Berg, diesmal einer zum Hinaufrollen. Kind 2 stieg ab und schob und wurde still. Ich schob aus Höflichkeit nebenher und lobte die Landschaft, was meine Tochter als anmaßend empfand. „Fahr weg! Ich will alleine schieben!“

Da stieg ich auf, um Kind 1 zu suchen. Der Energiepegel meines Sohnes ist höher als der Cholesterinspiegel von Donald Trump, deshalb war er schon nicht mehr zu sehen.

Er wartete vor einer Wiese, auf der eigentlich Schafe weiden sollten. „Das macht keinen Spaß, wenn ihr so langsam fahrt!“, schimpfte Kind 1. Etwas später landete Kind 2 neben uns und warf das himmelblaue Fahrrad ins Gras. „Du hast versprochen, dass wir hier Schafe sehen“, schimpfte das Mädchen. Ich sagte, dass jetzt ja zumindest drei hier seien, und bekam zwei Zungen entgegengeschmissen.

Dann betonte ich, dass der Berg gleich zu Ende sei, und erinnerte an die schöne und gut riechende Landschaft. Das sei ihr egal, sagte meine Tochter, sie habe andere Probleme und fahre keinen Meter weiter. Irgendwann käme schon jemand und würde sie mitnehmen. Sie sei sowieso auf der Suche nach einer neuen Familie, die ihr grenzenlos Zugang zu Ketchup und Cola gewährt.

Kind 1 erfreute sich an der Wut von Kind 2 und fuhr vergnügt weiter. Das tat ich dann auch. Tipp von Kind 1: Ein verärgertes Kind bewegt sich erst weiter, wenn der verhasste Elternteil nicht mehr zu sehen ist. Also drückte ich mich am Gipfel des Berges ans Maisfeld, damit mich Kind 2 nicht sieht. „Bloß nicht umdrehen!“, befahl Kind 1.

Später fielen wir uns glücklich um den Hals und sagten uns, wie lieb wir uns haben. Kleiner Scherz.

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