Wenn ich wirklich ganz ehrlich sein soll, an dieser Stelle auch sein darf, warum eigentlich auch nicht, dann habe ich ein durchaus gespaltenes Verhältnis zu den jüngsten Berichten über Placido Domingo und den Vorwurf, er habe sich vor 20 bis 30 Jahren zu sexuellen Übergriffen hinreißen lassen, wofür er nun an den öffentlichen Pranger gestellt sowie vielleicht noch angeklagt werden soll, was dazu geführt hat, dass Opernhäuer und Festivals nicht mehr mit ihm zusammenarbeiten wollen. Dass ich mich dazu bekenne, dieses Problem zu haben, hat vor allem damit zu tun, dass mir ein Leser zu diesem Thema seine Meinung mitgeteilt hat, denn er würde gern den Verfassern solcher Artikel wie den mit der Überschrift "War Placido Domingo übergriffig?" in der "Freien Presse" darüber informieren, dass "auch unser Geheimrat Goethe bei seinen vielen amourösen, die Arbeit eines bewunderten Dichters und Dramatikers inspirierenden Abenteuern nicht immer die Regeln dieses dualen Spiels eingehalten hat." Mit den Regeln dürfte er die heutigen gemeint haben, weshalb ich ihm zustimme, dass man sie auf keinen Fall auf die Zeit des Dichterfürsten anwenden kann, was unweigerlich meiner Ansicht nach diese Frage aufwirft: Darf man die die Maßstäbe von heute, mit der man nach der #MeToo-Debatte in den vergangenen Jahren jetzt und künftig vielleicht über sexuelle Übergriffe urteilt, auf die Achtziger- und oder Neunzigerjahre anlegen, als der Tenor zu den weltweit berühmtesten Sängern seines Fachs gehörte?

Ich weiß es nicht, ehrlich gesagt, denn wie jeder (ich beonte jetzt mal ausdrücklich) Mann komme auch ich nicht daran vorbei, mich daran erinnern zu müssen und auch zu wollen, wie das damals war in den (für mich wilden) Achtzigern, als Sturm und Drang mein Leben prägten und ich möglicherweise ein Verhalten an den Tag gelegt habe, für das ich mich heute schäme, aber niemals rechtfertigen würde, falls das fast 40 Jahre später jemand von mir verlangen würde mit dem Hinweis darauf, dass ich angesichts jetzt geltender Verhaltenskriterien damals vermutlich micht nicht ganz korrekt verhalten hätte. Und deshalb: In diesem Fall stimme ich dem Leser mit seiner Kritik zu, denn auch ich meine, dass man diese Vorwürfe gegen einen weltberühmten Tenor aus journalistischer Sicht nicht komplett ignorieren darf, zumals sie solche Konsequenzen für seine öffentlichen Auftritte hat, aber den Ball eher flach halten und vor allem nicht ins Detail der Anschuldigen gehen sollte, für die es nun mal niemals einen wirklichen Beweise geben wird. Wenn ein anderer Leser mir zum gleichen Thema sagte, eine solche Berichterstattung sei er zwar von unseriösen Boulevard-Zeitungen gewohnt, von der "Freien Presse" hätte er sie aber nich in diesem Maße erwartet, dann kann ich das nachvollziehen. Was bedeutet, diesmal ein interner Schluss:Liebe Kollegen, wenn Ihr meine Blogeinträge lest und es bei diesem bis zum Ende geschafft habt, dann dürft Ihr mich gern aufsuchen, falls Ihr anderer Meinung seid und mit mir darüber reden wollt; für alle anderen Leser dieser Zeilen gilt das natürlich nicht wengier, schreiben geht selbstverständlich auch.

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