Jubiläen sollte man begehen, wie sie einem begegnen, nicht aber feiern, weil das in diesem, also in meinem gleich zu schildernden Fall einer Wertung gleichkäme, die mir aber nicht zusteht, weil ich den Menschen, die mich angerufen haben, nicht zu nahe treten möchte, nur weil sie (meistens) mehr als die Hälfte ihres Leben in der DDR verbracht haben und dort zu ihrem politischen Selbstverständnis gekommen sind. Also: Zum 25. Mal nach der (skandalösen) Wahl von Thomas Kemmerich (FDP) zum Ministerpräsidenten von Thüringen mithilfe der Stimmen der AfD habe ich heute mit einer Leserin über das Wesen und Grundgerüst sowie die Eckpfeiler der Demokratie gesprochen, denn sie war felsenfest davon überzeugt: "Bei der Landtagswahl hatte es doch eine deutliche Mehrheit dafür gegeben, das Bodo Ramelow weiterhin Ministerpräsident sein soll, und ich verstehe nicht warum er jetzt nicht einfach gewählt worden ist. Für mich bedeutet das, dass man hier den Willen des Volkes missachtet, was meiner Ansicht nach überhaupt nichts mehr mit Demokratie zu tun hat." Und dann fragte sie mich noch diese: "Können Sie mir mal erklären, warum man dann überhaupt noch zur Wahl gehen soll, wenn die sowieso machen, was sie wollen, und ihnen die Wähler und ihr eindeutiger Wille offenbar egal sind?" Zehn Minuten lang habe mehr ich geredet, und die Frau in der Leitung hat zugehört, doch am Ende machte die Leserin mit einem einzigen Satz meine Bemühungen zu vergeblichen, denn sie sagte: "Sie können mir viel erzählen, aber ich bleibe bei meinem Standpunkt." Mit diesem Jubiläum ist dann auch die (für mich verbindliche Grenze) überschritten worden, um dieses Thema als eigenes Kapitel in meine Memoiren aufzunehmen, was mir ebenso leicht fallen wird, wie ich Freude daran haben werde, denn auch die 24 anderen mehr oder weniger vergeblichen Versuche, mit Leuten im Rentenalter darüber einen Konsens zu finden, dass Demokratie genau so funktioniert, wie wir sie gerade erlebt haben oder noch erleben, haben das Potenzial für eine besondere existenzphilosophische Betrachtung, wie ich sie nun mal liebe, ich bitte um Nachsicht.

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