Katja ist tot

Schon gehört?
Sie können sich Ihre Nachrichten jetzt auch vorlesen lassen. Klicken Sie dazu einfach auf das Play-Symbol in einem beliebigen Artikel oder fügen Sie den Beitrag über das Plus-Symbol Ihrer persönlichen Wiedergabeliste hinzu und hören Sie ihn später an.
Artikel anhören:

Die Beerdigung war am Wochenende, als die Sonne schien und schon im März den Mai spielte. „Wir brauchen einen Sarg“, sagte Kind 1. Ich kippte die Hölzchen aus einer Streichholzschachtel und gab meinem Sohn die leere Schachtel. Mit einem Pinsel malte er sie schwarz an, zupfte ein Rosenblatt von meinem Blumenstrauß und legte das rote Blättchen ins schwarze Schächtelchen. Darauf fand Katja ihre letzte Ruhe.

Katja, seine Biene. Hat‘s nicht geschafft. Der Junge wollte sie durchs Tiefdruckgebiet bringen, bis die Sonne wieder scheint, und richtete ihr sein altes Aquarium her. Ihm geht es im Prinzip wie den Leuten, die im Lidl immer hinter mir an der Kasse stehen: Sie haben den Herzenswunsch, dass ich umgehend so ein Trenn-Teil aufs Kassenband hinter meine Sachen lege. Sonst schubsen sie meinen Wagen um oder erzählen ihrem Hintermann schlimme Geschichten über mich. Genauso dringend hat Kind 1 das Bedürfnis, hin und wieder ein kleines, wehrloses Lebewesen zu retten. Jedenfalls summte Katja sechs Tage lang in ihrem Aquarium ihr Bienensummen. Am siebten Tag war sie am Boden. Tot. Plötzlich und unerwartet, viel zu früh.

Kann immer mal was schiefgehen, wenn man die Welt rettet. Beim nächsten Mal läuft’s dann besser. Ich äußerte die Vermutung, dass Katja am Hitzeschlag starb. Immerhin stand ihr Aquarium am Fenster. Und die Sonne prasselte darauf, und nachmittags war sie tot. Im Aquarium klebte hier und da ein Tröpfchen Kondenswasser. Kind 1 fand meine Vermutung, dass es der Biene zu heiß war, abartig und gemein. Der Junge schob den Sarg zu und gab den Termin für die Beerdigung bekannt. Darauf sagte Kind 2, es habe keinen Bock, es kannte diese Biene kaum. Außerdem möchte das Mädchen mit Beerdigungen nichts zu tun haben, auch wenn es nur Insektenbeerdigungen sind. „Ach. Aber Honig isst du auch!“, schimpfte Kind 1. Verschwand im Garten und scharrte ein Löchlein in den Boden.

In solchen Momenten fürchte ich, dass er eine Karriere als Bestatter anstrebt. Ich werde immer traurig, wenn ich ihre Kombis sehe. Aber diesen Hang zur Melancholie hat der Junge aus seinem Genpool gelöscht. Er hat schon einiges unter die Erde gebracht, er steckt das weg. Und dann stand ich mit den Kindern an Katjas Grab und dachte an die schöne Zeit mit ihr. Kind 1 verlor die Geduld. Ich soll mich zusammenreißen, das war nur eine Biene und wir können wieder fröhlich sein. Und jetzt möchte er bitte ein Leberkäsebrötchen und Apfelschorle.

Weitere Blog-Einträge