Ein Virus in Form einer Kugelkoralle bereichert mein Leben gerade mit Kleinigkeiten. Zum Beispiel kaue ich in diesem Augenblick das letzte Kaubonbon, das ich meinem Sohn geklaut habe. Kirschgeschmack. Es lag unbewacht auf seinem Schreibtisch. Ich bin in sein Zimmer geschlichen und habe mir ein Kaubonbon nach dem anderen geholt, während er in seinem Schüler-Corona-Homeoffice im Wohnzimmer sitzt und über das Wesen des Lehrkörpers schimpft, im Allgemeinen und im Speziellen. Auf Arbeit habe ich nie Süßigkeiten, da muss ich Möhren essen und Tee trinken. Deshalb ist das Luxus, überzuckert zu Hause am Laptop zu sitzen und die Finger über die Tastatur zappeln zu lassen, bis wieder ein Kästchen vollgeschrieben ist.

Ich muss auch keine Haare kämmen. Weder mir selbst noch sonst jemandem. Das ist ein Detail des menschlichen Zusammenlebens, das uns regelmäßig den Tag versaut. Kind 2 hat nämlich langes Haar. Über Nacht rottet es sich zu einem Knäuel zusammen, das ich Morgen für Morgen mit der Bürste bekämpfe. Begleitet wird dieses Ritual von einem aufjaulenden Kind 2. Dann beschimpft es mich als brutale und unsensible Kindesmisshandlerin und verlässt grußlos das Haus.

Während die Kinder und ich also ungekämmt über unseren Hausaufgaben brüten, liegt der Dackel im Bett und schläft. Ich schätze, er kommt an seinen schlafreichsten Tagen auf 20 Stunden Bettruhe. Dass er so dermaßen faul ist, wusste ich nicht. Aber was soll er sonst auch machen mit seiner vielen Freizeit? Essen besorgen fällt weg als Hunde-Beschäftigung, denn darum kümmern sich seine Menschen für ihn. Und durch die Gegend spazieren kann er nicht alleine. Auch dafür braucht er mindestens einen Menschen, wenn er nicht von der Straße weggefangen und ins Heim gesteckt werden will. Vor dem Gassi gehen habe ich mich immer gedrückt. Seit meiner Kindheit liebe ich schnelle Fortbewegungsvarianten aller Art und hasse Spaziergänge. Jetzt kenne ich jeden Hund im Umkreis von fünf Kilometern mit Namen, Geburtsdatum und Stammbaum. Jeden Tag gehen der Dackel und die Kinder mit mir Gassi. Es ist gar nicht mehr so schlimm wie letzte Woche. Wenn ich eine große Runde durchhalte, bekomme ich danach sogar ein Eis.

Auch eine Kleinigkeit, die ich im Corona-Arrest an mir festgestellt habe: Ich bin ein schlechter Lehrer. Die druckerschwärzelastigen Bücher, die Kinder, die vielen Fragen, der systemunrelevante Füllstoff. Macht mich fertig.

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