Weil wir hier unter uns sind und ich auch nicht weiß, ob einer meiner Chefs meine Blogeinträge liest, er mit dafür also tadeln könnte, möchte ich jetzt etwas gestehen, von dem glaube, dass ich das Recht dazu habe, aber nicht restlos davon überzeugt bin, ob ich es mir tatsächlich auch leisten kann beziehungsweise darf. Also: Es geht um die Meinungsbildungsverweigerung. Was ich damit meine, kann ich am besten mit einem Beispiel verdeutlichen. "Was Sie da heute über den Videobeweis bei dem Fußballspiel geschrieben haben, kann ich so nicht stehen lassen, ich sehe das ganz anders, wie kommen Sie überhaupt auf diese völlig daneben liegende Einschätzung?", fragte mich ein Leser und bekam von mir zur Antwort, dass ich das Spiel nicht gesehen und auch den Artikel nicht gelesen habe und deshalb ihm auch nicht mit einer Meinung zu dem umstrittenen Elfmeter dienen kann. "Aber ich kann Sie gern mit einem Kollegen vom Sport verbinden, mit dem Sie darüber reden können", fügte ich hinzu. Das war es nicht, was der Mann hören wollte, denn seine Reaktion war entsprechend schroff: "Ich fasse es nicht, ein Mann in dieser Position, und dann keine Meinung zum Fußball." Soll heißen: Beim diesem Rasenballsport nehme ich das Recht der Meinungsbildungsverweigerung für mich in Anspruch. Nun zwei aktuelle Fälle:

Heute hat mich der insgesamt neunte Leser angerufen, um mit mir über den Youtuber Rezo zu sprechen beziehungsweise darüber, was nach der Veröffentlichung des dann millionenfach angeklickten Anti-CDU-Video unmittelbar vor den jüngsten Europawahlen alles passiert ist und worüber danach in vielen Diskussionsrunden ebenso heftig wie kontrovers diskutiert worden ist. Meine Kollegen in einer westsächsischen Lokalredaktion hatten heute und der Überschrift "Werden Wahlen im Netz entschieden?" eine öffentliche Podiumsdiskussion angekündigt und diesen Veranstaltungshinweis mit einem (immerhin vier Spalten großem) Foto von Rezo bebildert. Der Anrufer meinte zu Beginn: "Schon wieder dieser (...) Kerl, ich könnte aus der Haut fahren, nur wenn ich ihn sehe."  Alle vorangegangenen acht Gespräche waren ausnahmslos konstruktive Unterhaltungen, weil ich natürlich mit den Leuten in der Leitung beispielsweise über das Recht der freien Meinungsäußerung und deren Verbreitung über Plattformen wie Youtube oder den großen sozialen Netzwerken gesprochen und teilweise auch gestritten habe. Bis bei einigen dieser Punkt erreicht war: "Was ist das überhaupt für ein junger Mann, dieser Rezo, was halten Sie eigentlich von ihm?", hatte es eine Leserin als Frage formuliert. Der Mann heute meinte: "Aber Sie müssen doch eine Meinung haben, was dieser Rezo für ein Mensch ist." "Nein", habe ich erwidert, "ich bilde mir kein Urteil über Menschen, die ich nicht kenne und nur aufgrund von ihren Ansichten oder öffentlichen Auftritten." Wie andere zuvor auch, durfte dieser Leser mir sagen, wie er Rezo einschätzt und was er von seinem Charakter hält, aber auch er musste letztendlich akzeptieren, dass ich dazu geschwiegen habe und mir auch keine Meinung bilden wollte.

Das zweite Beispiel für eine meiner Meinungsbildungsverweigerungen ist weniger kompliziert, denn einer Leserin heute habe ich dies gesagt: "Tut mir wirklich leid, aber ich weigere mich konsequent, mir diese vermeintliche Musik überhaupt anhören zu müssen, weshalb ich auch nichts zum Inhalt der Texte sagen kann, und es wäre schön, wenn Sie das jetzt so akzeptieren können", lautete nämlich meine Antwort auf ihre Frage, ob sie mit mir mal über gewaltverherrlichende und sexistische Inhalte in Liedern der (musikalischen) Stilrichtungen Punk und Heavy Metal reden kann. Diesmal ging es aber glimpflich für mich aus, denn die Frau in der Leitung meinte: "Schade, ich bin gerade so richtig in Fahrt, weil ich mir vorhin im Netz ein Video von der Gruppe angeschaut habe, zu deren Konzert meine Tochter demnächst gehen will. Was kann ich tun?" Ich habe ihr die Durchwahlnummer meines für diese Musik zuständigen Kollegen gegeben, denn ich weiß, dass er eine fundierte Meinung zu allen Spielarten des Hardrock hat, aber auch, dass sie dieser Leserin nicht gefallen wird.

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