Völlig außer sich war heute ein Leser um kurz nach zehn, der mir mit mehr oder weniger unverhohlen unfreundlichen Worten zu verstehen geben wollte, was er von der "Freien Presse" als eine regionale Zeitung halte, nämlich gar nichts, weil sie heute mit einer einzigen Zeile den 90. Geburtstag von Kurt Biedenkopf würdige; einem Mann, dem Sachsen doch so viel zu verdanken habe. Ich habe ihn ausreden lassen, bin ihm also nicht ins Wort gefallen, obwohl das die Dauer des Gesprächs deutlich verkürzt hätte, bevor ich ihm mitteilte, dass ein Bericht mit der Überschrift "König Kurt wird 90" schon gestern auf der Seite "Zeitgeschehen" zu lesen gewesen war. Der Mann schwieg, sagte "na dann" und legte auf. Nur ein paar Minuten später teilte mir ein anderer Leser dies mit: "Bäume werden verschnitten, das Beschneiden bezieht sich doch auf die kleinen Jungs im Judentum und im Islam, oder etwa nicht?" Bezogen hatte er sich auf einen Bericht über die Arbeit von Mitarbeitern eines kommunalen Bauhofs, die sich unter anderem im Winter mit dem Beschneiden von Bäumen beschäftigt hätten. Reagiert habe ich mit dem Zitieren von drei Überschriften von Firmen, die im Internet über das richtige Beschneiden von Gartengewächsen informieren, entsprechende Hilfe anbieten oder Geräte verkaufen wollen, während ich nicht weniger schnell mithilfe der Suchmaschine einen Eintrag im Duden zum "Bäume beschneiden" gefunden und den Mann gleichfalls darüber informiert habe. Dieser jedoch war ein höflicher: "Als guter Verlierer muss ich das leider akzeptieren", meinte er und gab zu, dass sein Duden eine Ausgabe von 1991 sei. Und der nächste Anrufer in der Leitung war tatsächlich kein verärgerter, sondern eher ein aufmerksamer, denn wollte mich und meine Kollegen in der Redaktion darüber aufklären, dass bei den Zwei-plus-Vier-Gesprächen nach dem Mauerfall und vor der Wiedervereinigung von den Beteiligten vereinbart worden sei, dass die Nato mit militärischen Aktionen wie beispielsweise Manövern auf dem ehemaligen Gebiet der DDR nichts zu suchen habe und dass das doch wohl kaum mit den bevorstehenden Truppenbewegungen zu vereinbaren sei, was die Redakteure doch bitte bei künftigen Berichten über "Defender Europe" berücksichtigen mögen. "Gut, dass Sie angerufen haben", habe ich gesagt, und das war wirklich nicht geschwindelt, denn ich war mir sicher, dass der Mann sich nun besser fühlt. Ganz ehrlich? Über diese Einordnung meiner Person und meiner Arbeit habe ich dann um kurz vor zwölf tatsächlich lächeln können, denn sie amüsierte mich auf eine Weise, die mir ein gutes Gefühl gab dank der Gewissheit, doch nicht ganz fehl am Platz zu sein, ich hörte dies: "Sie sind doch auch einer von denen, die meinen, eine Propaganda für eine links-grüne Ideologie betreiben zu müssen." 

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