Eine mich heimsuchende Dystopie gehört tatsächlich zu meinen eigenen Albträumen, weshalb ich die erste der heutigen Randnotizen aus den Protokollen meiner Kontakte mit Lesern durchaus mit einem ernsten Hintergedanken aufgegriffen habe, was für die anderen drei kurzen Episoden allerdings weniger gilt, was mir auch immer wieder gern ein Bedürfnis ist und mir Spaß macht.

Episode 1: Mit dem Internet steht etwa ein Viertel der Leser, mit denen ich telefoniere, (bildlich gesprochen) auf Kriegsfuß und nutzen es gar nicht oder nur auf ein Minimum beschränkt. Weil ich oft mit den Leuten in der Leitung über die Gründe dafür spreche, weiß ich darüber hinaus, dass zwei Drittel auf das Netz verzichten, weil sie sich als zu alt für das weltweite Surfen empfinden und sich den richtigen Gebrauch einfach nicht mehr zutrauen, während etwas mehr als 30 Prozent davon ausgehen, dass das Internet viel zu gefährlich ist, weil man sich dort zu einem gläsernen Menschen macht, dem von allen Seiten großes Ungemach droht. Nun ist allerdings ein dritter Grund für den Verzicht auf das Internet hinzugekommen, dieser Anrufer war der erste, der mich darauf aufmerksam gemacht hat: "Ich habe gelesen, dass allein die für das Internet erforderlichen Rechenzentren in Deutschland so viel Strom verbrauchen, wie fünf Großkraftwerke produzieren können", sagte er mir und formulierte seine Forderung: "Aus ökologischen Gründen und mit Blick auf den Klimawandel müssen Maßnahmen ergriffen werden, um das Internet zu reglementieren zu können." Ich habe mich für das Gespräch bedankt, ohne mit ihm darüber zu diskutieren, doch nachdem ich aufgelegt hatte, kam mir dieser Gedanke: Es gäbe wohl kaum etwas, das mehr dazu geeignet wäre, ein weltweite und in diesem Sinne globalisierte Revolution zu entfachen, als der Versuch, das Internet zu beschränken. Das wäre wohl ein Stoff für die Verfilmung einer Dystopie wie in "The Handmaid's Tale".

Episode 2: Ergänzend zum Blogeintrag von gestern möchte ich, weil bei drei Hinweisen sinngemäß ähnlichen Hinweisen von Lesern erscheint mir das unerlässlich, noch diese Kritik am öffentlich-rechtlichen Rundfunk als Folge der geplanten Erhöhung der Rundfunkbeiträge zu ihrem Recht einer Veröffentlichung an dieser Stelle kommen lassen: "Vermutlich werden auch bald die Nachrichten in englischer Sprache gesprochen", meinte eine Anruferin und fügte hinzu: "Bei dem Kultursender habe ich heute Morgen den Text gemacht: Innerhalb einer Stunde nur ein deutsches Lied, können Sie sich das vorstellen?"

Episode 3: Nun der Kommentar einer Leserin, bei dem ich mir, was mittlerweile eher die Ausnahme als die Regel ist, tatsächlich ein Schmunzeln nicht verkneifen konnte, denn die Frau hatte den Bericht "Den Schwaben kann geholfen werden" auf der Titelseite gelesen, in dem es darum ging, dass Forscher mit moderner Technik in Form von Sensoren im Mund die Bewegungsabläufe analysieren und für eine korrekte Aussprache optimieren wollen, und meinte dazu: "Viel mehr noch wünsche ich mir bei Schauspielern, dass sie tatsächlich die entsprechenden Muskeln endlich trainieren und das saubere Sprechen als Grundlage ihrer Kunst üben." Mich erheitert hat dieser Zusatz: "Bei der neuen Generation scheint dies völlig ins Abseits geraten zu sein – das beste Beispiel hierfür bietet wohl Til Schweiger."

Episode 4: Tatsächlich in (für meine Begriffe lautstarkes) Gelächter ausgebrochen bin ich dann, nachdem ich den drei Seiten langen Brief einer 80 Jahren alten Senioren gelesen hatte, denn in einem echt lockeren Plauderton erzählt davon, was sie auf Datingplattformen erlebt hat, ihre Motivation war diese gewesen: "Des Alleinseins müde - welche Möglichkeiten gibt es sonst noch, wenn man nicht an Seniorennachmittagen teilnehmen will?" Leider darf ich ihren Text nicht veröffentlichen, weil sie ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, aber ich werde sie demnächst einfach mal anrufen und fragen, ob wir nicht auf anderem Wege zu einer Veröffentlichung ihrer Erlebnisse kommen können. Nun nur eine kleine Kostprobe aus ihrem Ausatz: "Im Inserat bietet sich ein Stefan an, mit dem Zusatz: keinen Sex, keine WG. Hört sich doch gut an, habe ich gedacht, wird man wenigstens nicht als (...) und Dienstmädchen missbraucht."

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