Wenn ich wissen möchte, wie etwas funktioniert, schaue ich in die Bedienungsanleitung oder in die Bauanleitung. Damit das klar ist. Oft kommt es vor, dass ich solche Anleitungen nicht verstehe. Nehmen wir unseren Garderobenständer. Es hieß, ich soll alle drei Beine an B versammeln und anschließend eine Höhle bei BS und CS verbauen. Ich beschimpfte die Teile und trat dagegen. Anschließend goss ich mir ein Glas Wein ein, versammelte alle Beine an B und verbaute so lange alle Höhlen, bis das Ding stand.

Kind 1 kam nach Hause und sagte, es möchte seinen eigenen Schleim herstellen. Gerade ist Schleim ein angesagtes Spielzeug. Es gibt ihn in allen Farben, verpackt in kleinen Dosen. Schleim ist der Fidget-Spinner des Sommers 2018. Ich vermute, die Erfolgsgeschichte des Schleims hängt mit der Erfindung des Feuchttuchs zusammen. Wer heute Kind ist, hat keine klebrigen Hände mehr. Mutti zupft nach jedem Eis ein Feuchttuch aus der Handtasche. Aber Kinder brauchen das Gefühl der Klebrigkeit, um zufrieden ins nächste Level des Lebens zu starten.

Jedenfalls lieh sich der Junge mein Handy und klickte sich durch diverse YouTube-Videos zum Thema „Schleim mischen“. „Schleim geht ganz einfach“, sagte mein Sohn und freute sich wie Jogi Löw über das letzte deutsche Tor in dieser Fußball-WM. Mir sind diese YouTuber mit ihren Erklär-Videos unheimlich. Außerdem sind sie oberflächlich und arrogant. Wenn ich einmal etwas anfasse, dann richtig, erklärte ich meinem Sohn. Ich nahm ihm das Handy ab und zeigte, wie man im Internet ein ordentliches, schriftliches Rezept sucht. Danach mischten wir eine Pampe aus Bastelkleber, Rasierschaum und Kontaktlinsenflüssigkeit. Kind 1 rührte und knetete. Erst sang es ein Liedchen dabei, dann beschimpfte der Junge die Pampe, und am Ende wurde er still. Die Masse hätte ein Klumpen werden sollen, je länger man knetet. Aber das tat sie nicht. Sie blieb eine Wolke aus Rasierschaum.

Ich sagte, wir seien mit dem Rezept einem Internet-Scharlatan aufgesessen, der sich Scherze auf anderer Leute Kosten macht. Kind 1 lieh sich wieder mein Handy. Es bat mich darum, dass ich mir seinen Lieblings-Schleim-YouTuber anschaue und diesen schönen Schleimbatzen, den er forme. Der Bursche winkte in die Kamera und grinste wie eine Meerkatze auf Ecstasy. Dann sagte er, man soll niemals Bastelkleber der Marke nehmen, die wie ein Vogel heißt. Der tauge nichts für Schleim-Hersteller. Tja, was soll ich sagen?

Weitere Blog-Einträge


Einen Monat für
nur 1€ testen.
Verlässliche Informationen sind jetzt besonders wichtig. Sichern Sie sich hier den vollen Zugriff auf freiepresse.de und alle FP+ Artikel.

JETZT 1€-TESTMONAT STARTEN