Da war er wieder, dieser Moment, der mir das Gefühl gab, ein Fremder zu sein. In einer Runde mit drei Kollegen haben wir einen Termin vereinbart, ich wollte ihn ein bisschen verschieben sagte: "Um Viertel nach neun wäre mir lieber." Zunächst sah ich fassungsloses Entsetzen in den drei Gesichtern, bis dann der Kollege neben mir sagte: "Du meinst Viertel zehn, im ersten Moment dachte ich, es wäre Viertel neun, was in deiner Zeitrechnung Viertel nach acht und damit verdammt früh gewesen wäre." Soll heißen: Auch für die Dauer meines restlichen (Arbeits-) Lebens werde ich mir diese Zeitangabe der rückwärts orientierten Teilung der vollen Stunde nicht angewöhnen und damit immer ein Außenseiter bleiben, wenn es um Verabredungen geht. Ob mich das stört? Nein, ganz bestimmt nicht, aber manchmal bin ich eben gern auch mal stur. Womit ich bei dem eigentlichen Thema angelangt bin, ich formuliere jetzt mal meine Haltung vorweg, den Grund liefere ich gleich nach. Also: Menschen sind manchmal eben verschieden, und das ist gut so, und wenn es Dinge gibt, die das offensichtlich machen, ist dagegen erst einmal nichts einzuwenden, solange sie nicht deswegen stigmatisiert werden, was in meinem Fall ganz bestimmt nicht so ist, weil mich die Sachsen akzeptiert haben, auch wenn ich mein Geschirr weiterhin ab- und nicht aufwasche. Dies ist heute zwischen zehn und zwölf passiert:

Drei Leser haben sich bei mir gemeldet, nachdem sie das Interview "Jeder trägt rassistische Haltungen in sich" auf der Seite "Zeitgeschehen gelesen hatten und von mir wissen wollten: Was hat ein rosa-farbenes Pflaster mit Rassismus zu tun? In dem Artikel sagte die Soziologin Susanne Rippl von der TU Chemnitz: "... das sind Kinderspiele wie Schwarzer Peter, das ist die ständige Frage nach der Herkunft bei in Deutschland geborenen Menschen, das ist das rosa-farbene Heftpflaster – Dinge, die Menschen mit anderem Aussehen zu Fremden machen."

Dem ersten Mann in der Leitung musste ich sagen: "Tut mir leid, das weiß ich nicht, aber wenn sie mich in einer Stunde oder so noch einmal anrufen, habe ich es bestimmt herausgefunden." Das war dann mithilfe der Suchmaschine auch kein Problem, weshalb ich es den beiden anderen und dem ersten dann später sofort erklären konnte, ausnahmslos mit dieser Konsequenz: "Ich fasse es nicht, nur weil ich solchen Heftpflaster verwende, soll ich ein Rassist sein?" Dazu diese Bemerkung, weil jetzt jemand auf die Idee kommen könnte, ich würde bei diesem Thema hinter dem Mond leben: Acht Redakteure habe ich bei einem Rundgang durch die Büros gefragt, ob sie wissen, was das rosa-farbene Heftpflaster mit Rassismus zu tun hat. Und nur ein Kollege wusste die Antwort, weshalb ich mir keine Gedanken darüber mache, es auch nicht gewusst zu haben. Und außerdem bereitet es mir nun großes Vergnügen, es hier auch nicht zu erklären, also muss sich jeder jetzt selbst auf die Suche machen, wenn er wissen möchte, warum rosa-farbene Heftpflaster rassistisch sein können.

Bis zu dieser Stelle war der Blogeintrag heute nur Vorrede für das, was ich eigentlich zum Ausdruck bringen möchte, denn ich habe den drei Leuten in der Leitung zugestimmt: In dieser Debatte über alltäglichen Rassismus gibt es Grenzen, bis wohin ich ihr noch folgen kann, mit dem rosa-farbenen Heftpflaster ist sie aber überschritten worden. Und "Schwarzer Peter" war (neben Mau-Mau) in Kindertagen mein liebstes Kartenspiel, aber ich möchte meine persönliche Büchse der Pandora nicht weiter öffnen, es reicht (wieder einmal).

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