Kleiderkreisel

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Beide Bevölkerungsgruppen passen von Zeit zu Zeit nicht mehr in ihre Kleider, weil etwas mit ihrem Körper passiert ist. Kinder wachsen in die Höhe, Erwachsene wachsen in die Breite. Die zuständigen Zellen teilen sich aber so langsam, dass der Betroffene davon nichts mitbekommt. Das sehen nur andere. Die Kinder werden ab und zu auf das Stadium ihres Wachstums hingewiesen, "du bist ja groß geworden". Wir Erwachsenen müssen auf diese erfrischende Ehrlichkeit verzichten. Keiner sagt, "du bis ja fett geworden". Trotzdem haben die Kleinen und die Großen diesen Moment: Man begibt sich morgens auf Grabungsreise durch seine private Textilienabteilung, sucht, probiert an und stellt fest, dass man nichts mehr besitzt, das vernünftig passt.

Kind 2 mag diesen Moment. "Mama, kommst du mal", ruft es dann und wartet, bis ich die Tür des Kind-2-Zimmers öffne. Da steht das Mädchen, mit hängenden Schultern und hängendem Kopf und alles, was hängen kann, hängt. Die Kleider kleben wie Frischhaltefolie auf dem zierlichen Körper, was das Schauspiel verstärkt. Kind 2 lässt das Bild eine Weile auf mich wirken und sagt dann, ich müsse ihm dringend neue Sachen kaufen. Nun denkt sich die Mutter einen Text aus schlechten Wörtern aus, den sie aber nicht vorträgt, und schlägt dem Kind vor, im Kleiderkreisel eine Kiste Nachschub zu bestellen. Das Kind überlegt kurz, ob es mit dem Zeigefinger dreimal hintereinander an seine Stirn tippen soll. Weil es dafür aber zu höflich ist, bittet es darum, sich selbst etwas aussuchen zu dürfen. Im Geschäft. Kurz danach befinden sich Mutter und Tochter im Modealdi mit den zwei großen Buchstaben. Ich gebe zu, dass ich den Laden nicht ausstehen kann. Die Sachen werden immer abscheulicher. Und bei jeder Kollektion darf eine andere Selbsthilfegruppe die Aufdrucke entwerfen. Gerade sind die anonymen Analphabeten dran. Sie kleistern munter die Buchstaben drauf, "BRKLYN", "SYSTMRLVT", wer braucht schon noch Vokale. Das Zeug hat den Charme eines Käsebrötchens und wird nach jedem Waschgang eine Nummer kleiner. Ich sage Kind 2, es soll sich bitte selbstständig zwei Hosen auswählen. Ich müsse mich kurz erholen und werde die Gelegenheit nutzen, um eine der Mutter-Kind-Kabinen zu besetzen. Dann gehe ich zu den Umkleiden uns schiebe einen Vorhang beiseite. Da sitzt jemand. Es ist Mutter der BFF von Kind 2. Auf ihrem Schoß ein Stapel Pullover, ein Mädchentraum aus aufgeschäumtem Erdöl.

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