Krank

Schon gehört?
Sie können sich Ihre Nachrichten jetzt auch vorlesen lassen. Klicken Sie dazu einfach auf das Play-Symbol in einem beliebigen Artikel oder fügen Sie den Beitrag über das Plus-Symbol Ihrer persönlichen Wiedergabeliste hinzu und hören Sie ihn später an.
Artikel anhören:

Bilanz des Wochenendes: zwei Verletzte. Kind 1 hat Fußball gespielt. Der Cousin feuerte einen straffen Schuss ab. Kind 1 hielt seine Hand in die Flugbahn, bekam den Ball an ein Fingerchen und sah wimmernd zu, wie dieses Fingerchen zur Weißwurst anschwoll.

Kurz danach schrie Kind 2. Es hatte mit dem Stock Harz vom Kirschbaum gepult und sich den Stock dabei ins Auge gestoßen. Ich bekam einen Anfall mütterlicher Panik. Weil das Auge dick und blutig war und Augen sensible Organe sind, fuhren wir zum Notdienst. Der Augenarzt war wie der Bergdoktor, nur eben speziell für Augen. Er schaute mitfühlend, untersuchte das Mädchen, verschrieb Tropfen und sagte, es habe das Glück, dass wahrscheinlich nichts genäht werden muss. Aber nach ein paar Tagen müsse ein Augenarzt nachsehen, wie die kleinen Wunden heilen.

Ich habe keinen Augenarzt. Kind 2 hat auch keinen, niemand in der Familie hat es jemals so weit geschafft. Ich rief deshalb irgendwo an in unserem Planungsbereich. Die Vereinigung der Kassenärzte nennt das so, Planungsbereich. Die Menschen in dem Gebiet, das ein Facharzt abdecken soll, sind zusammen ein Planungsbereich. Die Sprechstundenhilfe am Telefon hörte sich mein Problem an und fragte: „Sind Sie Patient bei uns? Nein? Wir nehmen niemanden auf.“ Ich hangelte mich durchs Telefonbuch. Die Nächste sagte: „Wir behandeln keine Neuen.“ Und die Dritte: „Auch nicht nächste Woche, gar nicht.“

Augenärzte führen geschlossene Clubs. Die Sprechstundenhilfen sind ihre heimlichen Chefs, und sie wimmeln Neumitglieder nach allen Regeln der Kunst ab. Das ist jetzt einfach so. Vielleicht saß während meiner kläglichen Bewerbungsgespräche irgendwo ein netter Typ in seinem Sprechzimmer, der wirklich gerne einem kleinen Mädchen geholfen hätte, das sich einen Stock ins Auge gerammelt hat.

Ich rief auf dem Standesamt an und wollte fragen, wer gerade gestorben ist. Und ob man mir sagen könnte, wer dessen Augenarzt war. Da müsste ein Platz frei geworden sein. Aber es ging niemand ans Telefon. Nächster Anlauf in einer Augenarztpraxis, der achte inzwischen. Ich erzählte unsere Geschichte, und die Frau sagte tatsächlich, Kind 2 darf sich ins Wartezimmer setzen.

Ich hatte gewimmert. Wie Kind 1 mit seinem dicken Finger. Trotz Schmerzen hatte der Junge gute Laune. Er wollte schon lange wissen, wie sich ein Knochenbruch anfühlt. Interessierte mich auch als Kind. „Geprellt“, sagte die Ärztin. „Nie breche ich mir was“, sagte Kind 1.

Weitere Blog-Einträge