Es geht wieder um Hühner. Schon die ganze Zeit, die ich mit meiner Familie virusbedingt zusammengepfercht bin, hält mir Kind 1 Vorträge über das Haushuhn. Morgens erzählt der Junge von den großen Lügen der Masthuhnzucht, mittags sagt er, jeder, der Küken schreddert, sei bescheuert. Und abends verabscheut er diejenigen, die Billighähnchenbrüste kaufen, nur um sie sich auf den Grill zu schmeißen. Zwischendrin wirft er hin und wieder einen interessanten Satz auf den Tisch. Zum Beispiel diesen, dass das Haushuhn keinen großen Wert auf Nachwuchs legt.

Die meisten Hennen sind zu faul, um sich drei Wochen auf ihre Eier zu hocken. Sie verbringen ihre Freizeit lieber damit, herumzulaufen und mit dem Schnabel im Dreck zu picken. Kind 1 beschwerte sich, dass seine Hennen die Brüterei nach 20 Minuten wieder aufgeben. Er bat mich, den Laptop anzuschmeißen und ihm einen Brutkasten zu bestellen. Mir würden dabei keinerlei Kosten entstehen, weil er in der Nachbarschaft bereits so viele Eier verkauft habe, dass er sich eine Brutmaschine locker leisten könne. Er war so frei und hatte sich schon ein Internetkaufhaus ausgewählt. Und dort stand sein Einkaufswagen praktisch schon an der Kasse. Ich musste nur noch den Kauf abwickeln. „Bitte“, sang Kind 1. Er sang es morgens, mittags und abends, und nach der ersten Woche klang es, als sänge er ein Klagelied. Mir ging das auf den Geist. Schon deshalb bestellte ich den Brüter und ließ mir den Preis in bar auszahlen. Außerdem glaubte ich nicht daran, dass das Ding, das er ausgewählt hatte, funktionierte. Es sieht aus wie ein Eierkocher für Großfamilien und kostet so viel, wie ein Dreierpack frische Unterhosen.

Kind 1 bekam feuchte Augen, als der Paketdienst seinen Brüter brachte. Das passiert ihm sonst nie, dieses zu Tränen gerührt sein. Er sammelte alle Eier im Kühlschrank ein und legte sie in die Maschine. 13 Stück. Dann schob er sich einen Stuhl davor und wartete. Starrte auf die Plastikkiste wie Garri Kasparow auf sein Schachbrett. Manchmal ging er mit seinen Eiern zum Ultraschall, um zu sehen, wie sie sich entwickeln. Statt eines Schallkopfes hielt er eine Taschenlampe an die Schale und durchleuchtete die Eilein. Am fünften Tag erklärte er, man sehe die Küken strampeln im Ei. Am 15. Tag erklärte er, er sehe nur Schwarzes im Ei. Und als der 21. Tag zu Bett ging, saß Kind 1 mit 13 Küken in unserem Flur. Sie wohnen jetzt dort.

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