Ich habe einen Plan, wohin die Reise mit Kind 1 und Kind 2 gehen soll. Ins Land der Gutbürger. Ich bin der Kapitän und habe das Bedürfnis, Ihnen unser Schiff vorzustellen. Wir bauen hier ständig Sätze mit „ich habe das Bedürfnis“ und „ich wünsche mir“ zusammen, weil wir aus der Ich-Perspektive sprechen. Erst dann fließen sie vom Stimmband, die Sätze. Das soll dabei helfen, dass man nicht andauernd aneinander vorbeiplaudert. Die Super-Nanny hat das vor zwanzig Jahren schon gesagt und der Paartherapeut meiner Freundin auch. Ich-Botschaften bilden, ganz wichtig.

Unser Schiff liegt am Stadtrand. Der Ankerplatz: eine Eigenheimsiedlung, in der die uncoole smaragdgrüne Koniferenhecke den Gartenzwerg verdrängt hat, den ich als Typen wiederum relativ cool finde. Die Rasenpflege wurde von Robotern übernommen. Der unserer Nachbarn besitzt sogar sein eigenes Häuschen, das wie eine Hundehütte aussieht. Samstags wird Auto geputzt und Unkraut gezupft, danach wird gegrillt. Der Senf ist meistens mittelscharf, der Mann am Grill meistens auch. Musik läuft draußen bis zur eigenen Koniferenhecke oder gar nicht, um den Frieden im Hafen nicht zu gefährden.

Wenn ich morgens das Schlafzimmerfenster aufreiße, weil mein Mann gestern Döner mit Knoblauchsoße hatte und nun alles danach riecht, tanzt vor mir die Europaflagge im Wind. Waldemar, der mein Nachbar ist, hat einen Fahnenmast, und dort weht sie. Bis vor kurzem hing dort die Bierfahne seiner Lieblingsbrauerei.

Nun zu den Kindern. Sie laufen frei herum. Wir sprechen hier von Freilandhaltung bis Bio.

Das sind die Rahmenbedingungen, unter denen ich ihre Reise ins Land der Gutbürger vorbereite. Eigentlich alles kuschelig hier. Das heißt aber noch nicht, dass man nicht doch eines Tages zum Wutbürger, Hutbürger, Glut- oder Schnutbürger mutiert. Damit uns das nicht passiert, organisiere ich für meine Kinder Ausflüge.

Aktuelle Tagestour: der Supermarkt. Kind 1 schmeißt die Hähnchenbrüste aus dem Wagen und poltert wie Rumpelstilzchen im letzten Akt. Wie ich nur könnte! Eingeschweißtes Fleisch aus der Massenproduktion kaufen! Die armen, armen Hühnchen! Und die Schweine, genauso schlimm! Der Junge schaut mich an und verkündet, er esse kein Fleisch mehr, nur noch Kinderriegel und Popcorn. Wir stehen in der Schlange der Fleischtheke, und er will, dass wir gehen. „Na, möchtest du eine Wien...?“ fragt die Verkäuferin. „Jaaa!“, entweicht es Kind 1.

Weitere Blog-Einträge


Einen Monat für
nur 1€ testen.
Verlässliche Informationen sind jetzt besonders wichtig. Sichern Sie sich hier den vollen Zugriff auf freiepresse.de und alle FP+ Artikel.

JETZT 1€-TESTMONAT STARTEN