Leben als Trotzphase

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Wenn sich das Gehirn entwickelt, brauchen Kinder Unterstützung. Damit sie lernen, dass es auf Dauer nicht zielführend ist, wenn man sich auf den Boden schmeißt und schreit. Das Kind braucht Zuwendung, das Hirn braucht Schutz. Ich versuche also, den Kleinen rechtzeitig aufzufangen, bevor bei einem Wutanfall sein Dickkopf ungebremst auf den Boden knallt.

Rationale Argumente helfen wenig, wenn der Eineinhalbjährige unbedingt in einen Bach steigen will, dessen Pegelstand die Schafthöhe seiner Winterschuhe um ein Vielfaches übersteigt. Was hilft, ist ein Trick: „Wir gehen weiter“, sage ich, „tschüss, Bach!“ Oft hört man mich auch rufen „Tschüss, Schaukel“ oder „Tschüss, Sandkasten!“

Nicht-Eltern fühlen sich dann wahrscheinlich bestätigt in ihrer Wahrnehmung, dass Menschen mit Kindern irgendwie einen an der Waffel haben. Erfahrene Eltern dagegen wissen: Der Trick funktioniert. Der unfreiwillige Verzicht fällt leichter, wenn man sich ordentlich verabschieden kann.

Unser Kleiner hat diese Form der Selbstregulierung perfektioniert. Wenn ich ihn in die Wohnung zurückbugsiere, obwohl er lieber vom Balkon hinuntergucken will, fängt er an zu winken. Ebenso, wenn er nicht in die Pfütze darf. Früher gab es oft Geschrei, weil ich ihm mein Handy wegnahm. Dann verfiel mein Mann auf eine ausgefallene Methode. Sie nennt sich: Höflichkeit. Schnappt sich der Kleine das Mobiltelefon vom Regal, sagt der Papa: „Bring es bitte der Mama!“ Und voller Stolz liefert mir das Söhnchen das Telefon. Klar: Es fühlt sich besser an, freiwillig etwas herzugeben.

Man sollte also wohl auf die Fähigkeit der Kinder zur Selbstregulation vertrauen. Der Mittlere zum Beispiel lebt nach dem Motto „Stille Wasser sind wild“. Seine Wutanfälle sind laut, kommen aber selten vor. Vielleicht, weil er sich gut abgrenzen kann. Was andere machen, ist ihm egal. Er will „einfach nur in Ruhe Zug spielen“. Die Große wiederum ist schon in der Lage, ihren Ärger zu Papier zu bringen, anstatt ihn herauszuschreien. Vor Kurzem hat sie sich selbst mit einem superbösen Gesicht gemalt. Das Bild gefiel mir so gut, dass ich es gleich auf meine Facebook-Seite stellte. Ich bekam viele Komplimente. Die Leute dachten, es wäre ein Selbstporträt. Von mir. Ich weiß auch nicht, wie die darauf kommen.

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