Am allerliebsten lungert Kind 1 in meinem Schaukelstuhl herum und schaut fern. Er schaukelt, vor, zurück, und krault wie in Trance den winzigen Dackel auf seinem Schoß. Auf dem Tisch wächst ein Berglein aus glitzerndem Schokoladenpapier.

Der Junge stopft die Fernbedienung hinter sich, damit sie niemand wegnimmt. Das ist besser so, denn das Kind schaut ZDF. Und dafür ist es viel zu jung. Mindestens fünfzig Jahre. ZDF eignet sich besser für Leute, die über sechzig sind. Das Zweite Deutsche Fernsehen ist das Dessau-Roßlau der quietschebunten Fernsehlandschaft, der Sender mit den meisten Runzeln. Wäre er eine Farbe, dann dezentes Beige. Hier glotzt das älteste Publikum Deutschlands, sagen die Statistik-Typen.

Und hier sitzt also Kind 1 im Schaukelstuhl und guckt zu, wie Erwachsene ihren Plunder verkaufen. Die Sendung funktioniert so, dass die Gäste irgendetwas mitbringen, von dem sie glauben, dass es wertvoll ist. Das ZDF liefert ihnen einen Abnehmer. Gerade war es sehr traurig. Ein Verwaltungsangestellter wollte einen Ring verscherbeln, ein Erbstück. Aber der Experte schwörte, dass der Diamant darin überhaupt kein Diamant sei. Da fahren die Gefühle des Verwaltungsangestellten und der Zuschauer durch dunkle Tunnel.

Kind 1 sagt, dass das ja wohl voll gemein sei. Die Bäckchen glühen, so entsetzt ist es. Dann bittet mich der Junge, ihn zu dieser Sendung zu fahren. Er möchte eine Modellbahn-Lok verkaufen, die älter ist als der Wald. Von dem Erlös möchte er aus unserem Gärtchen ein Hühner-Paradies machen. Er wünscht sich Hühner, schon lange. Da kann man nichts machen, wenn ein Wunsch in jemandem so tief drinsteckt. Man schaut den falschen Sender, und schon ist alles wieder da im Kopf und im Herz und im Bauch und sowieso überall. Später steigen wir ins Auto. Wir fahren zum Sport, das lenkt ab. Wir Eltern sind noch nicht reif für lebendige Hühner.

Abends erzähle ich meinem Mann davon, dass Kind 1 neuerdings Lebenszeitfresserfernsehen für ältere Menschen bevorzuge. Er sitzt in meinem Schaukelstuhl und schaut fern. Er schaukelt, vor, zurück, und krault den winzigen Dackel auf seinem Schoß. Er guckt zu, wie eine Art Selbsthilfegruppe im Halbkreis zusammenhockt und nörgelt. Die Fernbedienung stopft er hinter sich, damit sie niemand wegnimmt. Das ist besser so.

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