Unsere Kinder schauen gerne Bücher an. Darüber freue ich mich. In der Praxis kann es aber etwas anstrengend sein. Denn wenn der Kleine (1) in seinem Lieblingsbuch einen Bus oder ein "Audo" findet, muss er das gleich der ganzen Welt mitteilen. Die Große (jetzt 5) war in dem Alter ebenfalls schon literaturbegeistert. Als ich einmal sagte, wir müssen noch in die Apotheke, strahlte sie: "In die Kinderapotheke?" Sie meinte die Kinderbibliothek.

Allerdings fragt man sich, womit gängige Kleinkind-Bücher diese Begeisterung verdienen. Jakob und seine Zahnbürste, Finn/Oskar/Knöpfchen geht aufs Töpfchen, Jule räumt auf ... Für kleine Kinder gibt es offenbar nur noch Ratgeber-Literatur. Sie sollen nicht Freude am Lesen entwickeln, sondern zu braven, funktionellen kleinen Erwachsenen werden. Am schlimmsten ist der allgegenwärtige Leo Lausemaus, der beim Frühstück über das von Mama gemischte Müsli in Begeisterungsrufe ausbricht. Direkt aus dem Leben gegriffen, würde ich sagen.

Und dann ist da noch Conni, der Albtraum aller Eltern mit begrenztem Geld- und Zeitbudget. Conni spielt Fußball, Conni reitet, Conni fährt Ski – und alles geht immer glatt. Ihr Kinderarzt hat sogar Zeit, zuerst ihren Teddy zu untersuchen. Überfüllte Wartezimmer gibt es nicht. Offenbar lebt Conni in einer Großstadt. Selbstverständlich hat sie auch einen kleinen Bruder. Familien mit drei oder mehr Kindern, mit getrennten oder gar gleichgeschlechtlichen Eltern kommen im "modernen" Kleinkindbuch dagegen kaum vor. Doch weiter geht die Flucht aus der Realität meistens nicht. Dabei sollte uns doch ein Buch an Orte entführen, an die wir sonst nicht gelangen.

Aber wir Erwachsenen halten unsere Kinder für dumm und meinen, sie würden alles sofort nachmachen. Tatsächlich hat meine Tochter neulich schon ein Pferd in die Luft gehoben, nachdem ich ihr "Pippi Langstrumpf" vorgelesen hatte ...

Vielleicht tut sich zur bevorstehenden Leipziger Buchmesse ja mal was auf dem Kinderbuchmarkt. Es gibt bestimmt mehr Leute, die sich das wünschen. Oder ist es Zufall, dass ausgerechnet der Grüffelo, ein etwas deppertes Monster, das Angst vor einer Maus hat, vor ein paar Jahren zum Riesenerfolg wurde? Auch über die leicht abgedrehten Zeichnungen und Reime von Nadia Budde (Eins Zwei Drei Tier) können nicht nur Kinder lachen.

Doch das sind Ausnahmen. Und über die Geschlechterklischees in Kinderbüchern schweige ich lieber. Denn die würden Bücher füllen.