Kurz vor Weihnachten, ich suche im Internet für meine Große (4) einen Konstruktions-Satz – diese Holzleisten mit Schrauben und Muttern, aus denen man Kräne oder Autos bauen kann. Doch auf den Werbebildern sind ausnahmslos Jungen zu sehen. In welchem Jahrhundert leben wir eigentlich? Ich muss mal kurz im Kalender nachschauen…

Ortswechsel: Besuch in der Buchhandlung. Warum muss es ein Bastelbuch für Mädchen und eins für Jungen geben? Klar, weil man dann zwei verkaufen kann. (Als bekennender Bastelmuffel frage ich mich, warum es überhaupt Bastelbücher geben muss.) In der öffentlichen Bücherei frage ich nach einem Sachbuch für Kinder. Prompt kommt die Gegenfrage: „Junge oder Mädchen?“ Etwas später, Besuch bei Bekannten, der kleine Junge zeigt stolz seinen Kipplaster: „Er liebt Fahrzeuge, das ist halt in den Kindern so drin.“

Wirklich? Wie oft habe ich in den grade mal eineinhalb Lebensjahren meines Sohnes erlebt, dass ihm jemand ein Auto zum Spielen gab. Eine Puppe noch nie. Und da soll ich glauben, dass Jungen und Mädchen von Geburt an völlig verschiedene Interessen haben? In Wahrheit sind die angeborenen Unterschiede minimal. Die amerikanische Neurowissenschaftlerin Lise Eliot hat unzählige Studien zum Thema analysiert und stellt fest: Mädchen lernen einen Monat früher sprechen, Jungen sind als Babys etwas aktiver und scheinen eine etwas bessere räumliche Wahrnehmung zu haben. Eltern aber vervielfachen diese Unterschiede: Sie ermutigen ihre Söhne zu riskanteren Spielen, sprechen mit Mädchen mehr als mit Jungen. Das Ergebnis: Mädchen können besser lesen, Jungen punkten in Mathe und Technik, weil sie mit Bausteinen usw. ihr räumliches Vorstellungsvermögen trainiert haben. Entsprechend fällt dann oft die Berufswahl aus. Ich will aber, dass meine Kinder frei entscheiden können.

Wobei: Die beiden machen eh ihr eigenes Ding. Die Große liebt ihr Auto mit Abschleppwagen – es ist ja auch lila und man kann Mutter-Kind damit spielen. Und der Kleine würde sich garantiert über einen Puppenwagen freuen, wenn der nur eine Hupe hätte. Aber bin ich ein gutes Rollenvorbild? Es ist ja kein Zufall, dass unser Kind „paparieren“ statt „reparieren“ sagt… Ich gelobe Besserung, stecke die Glitzerhaarspangen in den Adventskalender und kaufe den Bausatz für meine Tochter. Und am Heiligabend baue ich mit ihr den Kran! PS: Über den letzten Satz müssen wir uns noch unterhalten, sagt mein Mann.