Manchmal ist weniger mehr

Ich bin einem Irrtum aufgesessen. Laufen macht nicht fit. Zumindest nicht ausschließlich. Glaubt man einschlägigen Ratgebern, macht man die maßgeblichen Fortschritte nicht während des Trainings, sondern in der Erholungsphase. Das Zauberwort heißt "Superkompensation": Nach einem anstrengenden Lauf bereitet sich der Körper in Erwartung einer wiederkehrenden Belastung darauf vor, beim nächsten Mal noch mehr leisten zu können. Schnürt man zu früh wieder die Laufschuhe, unterbricht man die Phase der Regeneration und damit den Prozess des Fit-Werdens. Statt immer schneller und ausdauernder zu werden, sinkt das Leistungsniveau. Der Körper kommt mit der Anpassung einfach nicht hinterher. So weit die Theorie.

Die Praxis erfahre ich gerade am eigenen Leib. Nach meinem Lauf am Wochenende war ich so euphorisch, dass ich Montagmorgen gleich zur nächsten Runde gestartet bin. Den ersten Berg bin ich noch zackig angegangen - und dann katastrophal eingebrochen. Als hätte mir jemand mit einem Hammer auf Kopf, Füße und Beine geschlagen. Mehrmals. Am liebsten hätte ich mich an Ort und Stelle auf den Weg gelegt und geschlafen bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag. Habe ich natürlich nicht gemacht, sondern bin die Runde tapfer zu Ende gelaufen. Seitdem bin ich schlicht und ergreifend - müde.

Ich könnte mir in den Hintern beißen. Mir gehen wertvolle Trainingskilometer verloren, nur weil ich mal wieder zu schnell zu viel wollte. Aber es nützt ja nichts. Wenn mein an Ostern geplanter 20 Kilometer-Lauf Wirklichkeit werden soll, muss ich jetzt einen Gang zurück schalten. Klingt paradox, soll aber helfen. Ich blättere in meinem Buch. "Wer isst, muss auch verdauen", lese ich. Ich liebe Binsenweisheiten. Das mit dieser Superkompensation scheint allerdings gar nicht so einfach zu sein. Man soll viel trainieren, damit man sich steigert, aber nicht zu viel, damit man sich nicht überlastet. Woher weiß ich, wann bei mir die Schwelle zum Übertraining überschritten ist? Dass man sich zu viel zugemutet hat, merkt man leider erst hinterher - wenn man chronisch müde ist, der Puls verrückt spielt und Streckenzeiten hinter den Erwartungen zurück bleiben.

Das Buch schlägt mir Folgendes vor: zwei, drei Wochen mit steigender Intensität trainieren und dann eine ruhigere Woche einlegen. Werde ich für die Zukunft beherzigen. Jetzt ist erstmal Regeneration angesagt. Unter der Woche ist Erholung schwer einzuplanen, aber zum Glück steht das Wochenende vor der Tür. Idealerweise gestaltet sich das bei mir dieses Mal so: Schlafen. Ausruhen. Schlafen. Entspannen. Schlafen. Und zwischendurch vielleicht noch ein Nickerchen. Nicht besonders abenteuerlich, aber aus Fehlern wird man schlau. Und weil wir bei Sprichwörtern sind - sich regen bringt zwar Segen, aber in der Ruhe liegt die Kraft. Dann beißen den Letzten auch nicht die Hunde. Und vom Wiegen wird die Sau nicht fett. Schließlich ist der Weg das Ziel.

 

Noch 183 Tage bis Tag X

Läufe: 3

Wochenkilometer: 27

Gemütslage: Übermüdet

Fazit Woche 6: "Die beste Hilf' ist Ruhe." (Noch ein Spruch, aber diesmal von Shakespeare.)

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