Meine Karriere in der Tierschützerszene scheiterte im zarten Alter von neun Jahren. Ich malte Kreidesonnen auf die Straße, und mein Vater stand mit dem Fleischer beim Bierchen daneben auf dem Gehweg. Der Fleischer war ein dicker Mann mit Bart, der nach Schweiß roch.

Für mich war der Typ so eine Art Auftragskiller. Deshalb belauschte ich ihr Gespräch und bekam zufällig mit, wie der Fleischer in den Auftrag einschlug, unsere beiden Schafe zu schlachten. Seppel und Susi. Mitten in der Blüte ihrer Jugend. Einfach so. Eiskalt. Ich schrieb ihm einen Brief, diesem ersten Ork meines Lebens, und steckte ihn in den Fleischerei-Briefkasten. „Lieber Ork“, schrieb ich, „diese beiden Schafe gehören mir.“ Ich versprach ihm, dass ich ihn vor den Staatsanwalt und ins Gefängnis bringe, falls er sich an meinen friedlichen und wehrlosen Freunden vergreift.

Zwei Tage später waren Seppel und Susi tot. Der Staatsanwalt, den ich anrief, fand meine Strafanzeige so lustig, dass er herzhaft lachte. Niemals habe ich seitdem Schaf gegessen. Ich muss gerade daran denken, wie weh das tat. In meinem Herzlein war der Teufel los, während aus dieser Ork-Fleischerei zweimal die Woche eine Schlange wuchs, nach Frischfleisch lechzend.

Nun ist wieder so ein Moment. Die großen Menschen spulen ihr Programm ab, und die kleinen Menschen stehen daneben und erstarren zu Eiszapfen. Kind 1 und Kind 2 halten jeweils ein piepsendes Küken in den Händen. Wir befinden uns in einem winzigen Ort auf einem Kleintierbasar. Das ist wie der Wochenmarkt, nur dass es statt Gurken frische Hühnchen und frische Häschen gibt. Man kann sie streicheln, vermehren, schlachten und essen. Die Küken heißen Mastbroiler und kosten 3,50 Euro. „Warum heißen die Mastbroiler?“, fragt Kind 2. „Weil die fett gefüttert und gekillt werden“, sagt Kind 1.

Dann öffnet der Junge sein Portemonnaie, zieht einen Zehner heraus und fordert die Freigabe von zwei Mastbroilern für ihn und seine Schwester.

Kind 2 ist das zu wenig. Es bittet mich um einen Kredit, damit es sämtliche Broiler retten kann. Ich gerate ins Stottern, bin der Edmund Stoiber der Pädagogik. Wir können hier niemanden retten, sage ich, der Kreislauf des Lebens. Auch Wiener Würstchen haben mal gelebt, sage ich. Echt jetzt.

Kind 1 und Kind 2 sind so was von enttäuscht. Sie hätten von mir mehr erwartet. Ich fürchte, sie werden sich in dreißig Jahren so mies fühlen wie ich mich gerade.

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