Vorsicht! Hier schreibt jemand, der Drogen nimmt. Mein Sohn behauptet das jedenfalls. Ich hätte auch schon so Erscheinungen, findet der Junge.

Er hat mir seine Mathearbeit gereicht, weil ich die unterschreiben sollte. Das habe ich auch getan. Ein elegant geschwungenes Müller drunter und fertig. Das habe ich bisschen geübt, bevor ich mich auf die Ehe mit meinem Mann einließ. Ich stehe auf Unterschriften, die cool sind, die aber keiner lesen kann.

Kind 1 hält mir die Mathearbeit vor die Nase: „Warum schmierst du so?“ Der Junge guckt wie sein Vater, wenn er Kontoauszug-Kontrolle macht. Die Mütter seiner Kumpels würden definitiv nicht so schmieren, wenn sie Klassenarbeiten unterschreiben. Noch dazu, wenn sich ihre Söhne in der Arbeit angestrengt haben. Die würden sich um ein sauberes Schriftbild bemühen und sich schämen, müssten ihre Jungs mit solchen Mütter-Unterschriften in der Schule antreten.

Und dann schwingt er die imaginäre Keule: „Mama, lüg mich nicht an: Nimmst du Drogen?“ Natürlich verabscheue ich das Zeug. Nichts fürchte ich mehr, als diese Frage irgendwann meinen Kindern stellen zu müssen. Ich rauche nicht, esse Bio und lese Bücher aus Papier. Meine einzige Sünde ist es, im Internet Cider in Dosen zu bestellen. Und Sünde nicht wegen des Apfelsekts, sondern wegen der umweltkillenden Dosen.

Ich dachte, dass Kind 1 seine Mutter verehrt. Drittklässler sollten ihre Mütter uneingeschränkt gut finden. Aber heute war der Drogenberater in der Schule. Ein Mann mit einem Film und betretenem Gesicht und Gruselgeschichten. Der Junge hat gelernt, dass Kaffee Mist ist. Kaffee, Süßkram, Handys, Rotwein. Alles Drogen und in Überdosis schädlich. In den Augen des Kindes bin ich in verschiedenen Kanälen auf Sendung.

So sitzen wir nun da, mein Sohn und ich. Er erzählt mir, dass es Drogen gibt, an denen schon Leute gestorben sind. Irre. Erwachsen und so blöd. Würde ihm jemand solche Drogen geben, dann würde er den Typen erst als Idioten beschimpfen und dann vermöbeln.

Ich will ihm seine Wut auf Drogenheinis nicht verderben. Deshalb sage ich nichts zu seinen Drittklässler-Gewaltfantasien, das verwächst sich. Er hat wieder ein bisschen mehr Angst vor der Welt gekriegt. Vor allem hat er Angst um mich. Kind 1 setzt sich auf meinen Schoß, nimmt meinen Kopf zwischen seine Hände und mir einen Eid ab: „Kaffee darfst du. Aber schwöre mir, dass du niemals solche Drogen nimmst!“

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