Samstagmorgen saß ich mit Kind 2 vorm Fernseher. Uns fällt manchmal nichts besseres ein, so morgens gegen sechs am Wochenende. Ich weigerte mich, meiner Tochter Geschichten über hässliche kleine Ponys vorzulesen, die in Wahrheit Einhörner sind. Wollte auch nicht mit ihr Karten kloppen oder Memory spielen oder Puzzle zusammensetzen. Einfach nur dahocken und wach werden.

Nicht nur ich litt unter einer Flaute im Hirn, sondern auch die Programmchefs. Wer samstagmorgens vor der Glotze hängt, der hat nichts besseres verdient. Ich zappte durch die Kindersender, da demolierte ein spitzer Schrei meine Trommelfelle. „Stop!“ rief meine Tochter. „Das lassen!“ Versehentlich war ich in meinem Wachkoma über einen Privatsender gestolpert, auf dem eine Modenschau übertragen wurde. Sommerkleider für magersüchtige Upperclass-Tussis. Meine Tochter sah die Bilder und klagte, dass ich mich immer noch nicht um ein Schulanfangskleidchen für sie bemüht habe. Alle ihre Freundinnen hätten Mütter, die ihren Töchtern längst Kleidchen gekauft hätten. Alle. Bis auf die Mutter von Kind 2.

Die Sache mit dem Kleidchen beschäftigt meine Tochter seit der Einschulung ihres zwei Jahre älteren Bruders. Im Grunde geht es ihr nicht um die Schule, sondern um das Kleidchen. Wir setzen uns an den Computer, meine Tochter und ich, und guckten bei Zalando. Wenn ich virtuell shoppe, ist meine Taktik so: Was mir gefällt, lege ich ins Warenkörbchen. Am Ende wühle ich in meinem Korb und schmeiße alles raus, was mir beim genaueren Hinsehen doch nicht gefällt. Hin und wieder schmeißt auch mein Mann ein Teilchen raus, weil ihm der Preis nicht gefällt. Es passiert, dass der Korb am Ende wieder leer ist.

Das Problem bei Kind 2 ist nun, dass ihm praktisch jedes Kleidchen gefällt, das von feinem Zwirn ist. Das Zalando-Körbchen füllte sich. Verzückte Geräusche bei einem 199-Euro-Modell ...

„Viel zu teuer!“

„Hast du vergessen, dass ich nur einmal in meinem Leben in die Schule komme?“

Ich hätte jetzt darüber philosophieren können, dass jeder Tag einmalig sei. Aber das ließ ich stecken. Nachmittags fuhren wir in die Stadt, um echte Kleidchen anzuprobieren. Und das entzückendste sechsjährige Mädchen auf diesem Planeten entschied sich für ein dunkelblaues. Wir kauften es.

Abends im Bett drehte sich Kind 2 einen Milchzahn raus und sagte: „Die Kleider aus dem Internet wünsch ich mir von der Zahnfee.“

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