Mitternachtsmama

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Der Kleine ist manchmal Mittagskind. Das ist Kindergarten-Slang und bedeutet, dass man vor dem Mittagsschlaf abgeholt wird. Meine Kinder glauben mir nicht, dass früher alle Kinder jeden Tag Mittagskinder waren. Jedenfalls dort, wo ich herkomme. Aus einem fernen Land und einer anderen Zeit. Zwischen zwölf und eins holten die Mütter (und mein Vater) ihre Kinder ab. Dann wurde zu Hause gekocht. Warmes Essen gab es im Kindergarten nur donnerstags. Inzwischen gibt es auch in Westdeutschland Ganztagsbetreuung. Als kostenlose Zugabe redet man den Eltern noch ein schlechtes Gewissen ein.

Jedenfalls war der Kleine vor ein paar Tagen Mittagskind. Ich wollte dieses große Ereignis ja verschieben, denn ich hatte noch zu tun. Bin ja keine „Mittagsjournalistin“. Aber der Sohn erinnerte mich: „Wir haben doch ausgemacht, dass ich heute Mittagskind bin!“ Wenn Erwachsene „Wir haben doch ausgemacht“ sagen, dann meinen sie meistens, dass sie etwas angeordnet haben und das Kind sich daran zu halten hat. Wenn Kinder „Wir haben doch ausgemacht“ sagen, haben sie meistens recht.

Zunächst spielte der Kleine friedlich im Zimmer. Der Mittlere war bei seinem Freund und feierte eine Piratenparty. Das ist in seiner Peer Group zurzeit so üblich. Die Große hatte nach der Schule etwas Wichtiges in ihrem Zimmer zu tun. Der Kleine fühlte sich also bald einsam und begann, mir beim Arbeiten zu helfen. Ich beteilige mich ja eigentlich nicht am Wettbewerb „Wir versuchen krampfhaft, irgendetwas Gutes an der Pandemie zu finden“. Doch eins fällt mir trotzdem auf: Im Zeitalter von Homeoffice und Videokonferenzen sind Kinder präsenter geworden. Man kann sie nicht mehr immer wegorganisieren, damit sie die schöne Arbeitswelt nicht stören. Früher gab es meistens nur zwei Möglichkeiten: Kind krank, Elternteil zu Hause oder Kind gesund und im Kindergarten, Elternteil auf der Arbeit. Heute gibt es diverse Zwischenzustände: Kind verschnupft, Elternteil arbeitet zu Hause. Kind gesund, aber Kita zu oder im Notbetrieb. Kind gesund, aber coronapositiv. Familie in Quarantäne, aber arbeitsfähig. Homeschooling, aber keine Lust. Und so weiter.

Wir Eltern haben uns daran gewöhnt. Schließlich können wir unsere Betreuungsarbeit nicht einfach einstellen. Wir sind ja systemrelevant. Jedenfalls für unsere Kinder. Und so erfährt man bei Videokonferenzen gelegentlich, dass jemand auf dem Klo sitzt und abgewischt werden muss. Die älteren Kollegen, die schon erwachsene Kinder haben, finden solche Zwischenrufe süß. Die jüngeren denken „Zum Glück war’s diesmal nicht meins.“

Familienzeit und Arbeitszeit vermischen sich also wie Lego und Playmobil unter dem Kinderbett. Und das hat auch was Gutes. Man kann sich nämlich wunderbar eine Kolumne ausdenken, während man nachts nasse Bettwäsche auswechselt. Gut, dass ich eine Mitternachtsmama bin.

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