Mom-Taler

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Ich stelle niemanden an. Herumkommandieren wäre jetzt auch übertrieben, das klingt so autoritär. Der Jogi Löw, der ist autoritär. Verbietet seinen Spielern die geliebten Currywürste vor dem Fußballspiel, weil ihm Currywürste zu fettig sind. Er will nicht, dass die hübschen Fußballdresse, sagen wir mal, zwischen der zweiten und der dritten Bauchfalte stecken bleiben. Das würde nicht zu seiner Frisur passen. Bei uns gibt’s noch Würste in allen Farben und Größen im Kühlschrank. Ich bin kein Spielverderber.

Habe unserer Familie lediglich ein neues Betriebssystem aufgespielt. Ich sage nur Mom-Taler. Wenn ich meinen Kindern Mom-Taler schenke, machen sie alles für mich. Der Laden läuft jetzt wie eine Eins. Komme gerade von der Nackenmassage. Zehn Minuten lang hat Kind 1 mit seinen Händen die Verspannungen aus meinen Büroschultern geknetet. Der Junge muss an seiner Massagetechnik arbeiten, aber im Großen und Ganzen bin ich zufrieden. Hat mich 50 Scheine gekostet, aber was soll‘s. Mein Bruder würde an dieser Stelle sagen, man muss sich mal was gönnen. Hin und wieder schickt er mir Fotos von Filetsteaks, die er gebraten und in Salatbetten gelegt hat. Habe er sich am Ende eines schweren Tages gegönnt, schreibt er unter die Bildchen.

Jedenfalls haben wir in unserer Familie diese spezielle Währung eingeführt, die das literarische Idol meines Sohnes erfunden hat. Das ist Greg, der mit den Tagebüchern. Für Hausarbeiten bekommt Greg Geld, und zwar Mom-Taler. Kind 1 war besessen davon, diese Währung auf sein Leben zu übertragen. Wir bastelten Geldscheine, die ich im Badezimmer versteckte. Die Scheine darf man sich durch Hausarbeit verdienen und später in Euro tauschen. Ein Mom-Taler entspricht einem mickrigen Cent, was weder Kind 1 noch Kind 2 als Ausbeute kleingeschimpft hätten. Ich finde das fair, denn die beiden sind ungelernt.

Mein Mann hält mich für berechnend. Den Kindern fünfzig Cent für eine Auto-Innenraum-Reinigung meines verdreckten Frauenschlittens zu geben, das sei Sklaverei. In der Waschanlage würde ich locker das Hundertfache hinlegen dafür. Er klagt, dass er nie gedacht habe, ich könnte derart erpresserische und feudale Erziehungsmethoden in unser Haus schleppen. Es war schlimm. Er wollte mir keinen Cappuccino kochen, nicht mal für 50 Mom-Taler. Und überhaupt. Sitze ich hinten in meinem Auto und lasse mich durch die Gegend fahren, während der Schlamm an meinen Schuhen trocknet und wie brauner Schnee auf den Boden rieselt?

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