Jeden Morgen wachgerüttelt zu werden, ist nicht jedermanns Geschmack. Wahrscheinlich findet das überhaupt niemand gut. Ich stelle mir vor, wie Trumps Gattin morgens ihrem Donald in die Ohren flüstert: "Aufstehen. Komm, du musst regieren. Du hast dir das immer gewünscht! Jetzt komm!" Oder wie Günther Jauch im Halbschlaf murmelt, er stehe erst auf, wenn seine Frau ihm sage, wieso Männer öfters farbenblind sind als Frauen.

Ich knie am Bett von Kind 2, streichle dem Mädchen übers Haar und flüstere: "Aufstehen, die Schule wartet." Das ist Mist, weil Schulen nicht warten. Schulen stehen hier und da, aber das war es dann schon. Kind 2 hat sich sehnlichst gewünscht, endlich zur Schule gehen zu dürfen. Der rote Ziegelbau neben dem Kindergarten war für Kind 2 das, was für Frank-Walter Steinmeier Schloss Bellevue ist. Ernüchternde Bilanz nach acht Monaten Schule: Kind 2 war oft genug dort und möchte abgemeldet werden. "Ich habe dir gestern schon gesagt, dass ich nicht mehr hin will", sagt meine Tochter. Um der Szene die passende Dramatik zu schenken, zieht sie sich die Decke über den Kopf und knurrt.

Ich verlasse das Zimmer. Komme zwei Minuten später wieder und lasse Glitti unter die Decke schlüpfen. Das ist das Meerschweinchen von Kind 2 und ein Stimmungsaufheller. Dank Glitti ist Kind 2 bereit, mit mir zu sprechen. Es gibt mehrere Gründe, weshalb das Mädchen aus der Schule austreten möchte. Da ist zum Beispiel die Sache mit der Schreiberei. Gerade muss es zeilenweise "gut" schreiben. Gestern war es "für" in Druckschrift und in Schreibschrift "im". Kind 2 hatte gehofft, dass in der Schule mehr los ist. Und dann hat der Paul Kind 2 eine Petze genannt, die Maja macht sich immer breit auf dem Klettergerüst und der Emil ist in Kind 2 verliebt, Kind 2 aber nicht in Emil.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Kind 2 nach Monaten der Vorfreude auf Schule nun den rutschigen Boden der Realität betreten hat. "Du musst aufstehen und zur Schule", sage ich. Kind 2 klebt am Bett fest. "Muss ich nicht", sagt es und schlägt vor, es könnte auf meinem Handy Schlaukopf spielen und die Sendung mit der Maus gucken. Nun kommt Glittis großer Auftritt. Das Meerschweinchen wackelt mit dem Po, was bedeutet, dass es austreten muss. Kind 2 springt aus dem Bett und setzt Glitti in den Käfig.

Teilerfolg für die Mutter. Am Montagnachmittag werden wir Eis essen gehen, und am Dienstagfrüh komme ich wieder ans Bett. Ich würde gern wissen, ob Staatschefs auch solche Gefühle haben wie Erstklässler.

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