Muttertage

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Kind 1 und Kind 2 haben den Muttertag vergurkt, und ich habe das irgendwie kommen sehen. Nichts, wirklich nichts sah danach aus, als würde hier jemand etwas für mich vorbereiten.

Letztes Jahr konnte ich an meiner kleinen Muttertagsprivatparty nicht teilnehmen. Ich hatte mir im Morgengrauen einen Ausflug in den Wald geschenkt, war gestürzt, hatte die Hand gebrochen und den Rest des Sonntags im Krankenhaus verbracht, während sich daheim der Käse kringelte, den Kind 1 und Kind 2 im Rahmen eines Muttertagsfrühstücks auf dem Esstisch dekoriert hatten. Sie hatten sich ins Zeug gelegt. Wollten der Person, die dringend einmal wieder ihre Fenster putzen müsste, einen rosaroten Sonntag machen.

Kaum sind Hortnerinnen und sonstige Muttertags-Erinnerer aus ihrem Leben verschwunden, passiert am Muttertagsmorgen des Jahres 2022 das: Tageslicht lässt Kind 1 und Kind 2 aus den Betten aufs Sofa wandern, wo sie um einen ersten Kakao bitten, nach der Fernbedienung tasten und vorübergehend bei Netflix verschwinden. Irgendwann decke ich fürs Frühstück ein, und der Tag wird, wie Sonntage so werden. Abends sage ich, so überrascht wie möglich, dass ja gerade zufällig Muttertag sei. Kind 1: „Oh.“ Kind 2: „Oh.“ Während des letzten „Ohs“ halte ich mein Handy und lasse gut sichtbar die Whatsapp-Statusbilder ablaufen, die meine Mütter-Kontakte hochgeladen haben. Woraufhin Kind 2 sagt, ich übertreibe das jetzt und sei gemeiner, als es dachte. Kind 1, das sich an Tagen wie diesem in einem gewissen Konkurrenzkampf wähnt, schenkt mir fünf Essensmarken von seiner Essensmarkenrolle (Nummer 70011 bis 70015) und fünf Getränkemarken von seiner Getränkemarkenrolle (Nummer 35018 bis 35022), umarmt mich und erklärt, die könne ich jederzeit beim ihm einlösen. Er werde mir pro Marke ein Gericht servieren und arbeite an einer kleinen Speisekarte.

Etwas später schenkt mir Kind 2 einen himmelblauen Briefumschlag, auf den es zwei Wiesenblumen gebunden hatte, und umarmt mich so warm, wie es aus dem Herzen kommt und ins Nachbarherz geht. In dem Umschlag: sieben kleine, bunte Gutscheine. Zum Schreibtisch aufräumen, zum Filmabend mit extrem viel Süßigkeiten, zum Haus wischen, zum Kuscheln, Pflanzen gießen, Spülmaschine ausräumen, Rücken massieren. Zum Trost, wegen des vergessenen Muttertags. Ich sage, dass das einer meiner blöden Witze gewesen sei. Dass ich den Muttertag für eine Erfindung der Blumenverkäufer und Pralinenverkäufer halte. Dass Kind 1 und Kind 2 mir jeden Tag meinen persönlichen Muttertags-Moment schenken. Dann rufe ich Kind 1, löse Essensmarke 70011 bis 70013 ein und setze mich an den Tisch, an dem mein Muttertag begonnen hatte. Mein Mann stellt die Piccolo von der Tankstelle vor mir ab. Zum Schluss dieses Textes möchte ich Kind 2 zitieren: Ich habe mich richtig krass gefühlt.

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