Nachtschicht

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Eva-Maria Hommel ist ein Morgenmensch mit Zeitverzögerung

Manchmal melden sich Leser bei mir, weil sie die Familienkolumne mögen oder nicht mögen. In beiden Fällen weise ich jegliche Verantwortung von mir und behaupte, das alles wäre das Werk meiner Kinder. Ich arbeite sogar daran, dass die Kinder die Kolumne selbst schreiben – für ein Gehalt in Naturalien, sagen wir Schokoriegel oder Vollkornkekse. Bisher laufen die Tarifverhandlungen noch, und so muss ich selbst ran.

Oft schreibe ich die Kolumne am späten Abend, obwohl ich kein Nachtmensch bin. Und genau das ist das Geheimnis. Forscher haben herausgefunden, dass Kreativität das Gegenteil von Konzentration ist. Wenn die Gedanken wegdriften, kommen die Ideen. Hab ich mal irgendwo gelesen. Ich weiß nur nicht mehr, wo. Kann mich gerade nicht so gut konzentrieren.

Natürlich schreibt man im Zustand der kreativen Unkonzentriertheit auch Blödsinn. Da regt man sich über Vogelnestschaukeln auf Spielplätzen auf, als gäbe es keine größeren Probleme. Und kommt dabei nicht auf die Idee, dass solche Schaukeln für Kinder mit Behinderung eine große Freude sind in einer Welt, die sonst wenig Rücksicht auf sie nimmt. An dieser Stelle vielen Dank an die Leserin, die mich darauf hingewiesen hat. Mein Blick ist jetzt ein Stückchen weiter geworden.

Warum ich also nachts schreibe? Für die Kolumne brauche ich jenen magischen Moment der Ruhe, den ich nicht habe, wenn Kinder oder Kollegen herumschwirren. Aus demselben Grund arbeitete ich früher oft am frühen Morgen. Obwohl ich nachts mehrmals freundlich geweckt wurde, weil ein Kind gestillt werden wollte, sprang ich morgens frisch und schreibbereit aus dem Bett. Das liegt an dem Hormoncocktail, mit dem die Natur stillende Mütter ausgestattet hat. Er führt dazu, dass sie beim kleinsten Wimmern aufwachen, aber danach gleich wieder schlafen wie ein Baby. Eine stillende Frau funktioniert wie eine Hochleistungskuh: Sie braucht nur ausreichend Kraftfutter und eine bequeme Ruhestätte. Dann entwickelt sie übernatürliche Kräfte.

Diese Lebensphase ist für mich inzwischen vorbei. Doch auch wenn der biologische Zenit überschritten ist, lebt es sich ganz gut. Jetzt kann ich weiterschlafen, obwohl ein Kind weint, singt oder einen Feuerwehreinsatz leitet. Weil ich weiß: Der Mann kümmert sich. Und die Kinder können sich eh nicht vorstellen, dass es einmal anders war. „Warum hast du denn sooo einen großen Bauch?“ fragte mich der Kleine vor ein paar Tagen. Er zog das „sooo“ wirklich sooo in die Länge. Ich verkniff mir die Bemerkung, dass es tatsächlich Menschen gibt, die einen noch dickeren Bauch haben. Stattdessen erklärte ich, dass drei Kinder in diesem Bauch waren. Und dachte mir: Noch 30 Jahre Rückbildungsyoga, dann ist alles wieder beim Alten. Morgen Nacht fange ich damit an.

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