Nein ist ein wichtiges Wort, sagte meine Mutter. Wenn ein Kind Nein sagt, hat es verstanden, dass es eine eigene Persönlichkeit ist. Ein gesunder Widerspruchsgeist ist wichtig, sagte meine Mutter.

Und ich war ein braves Kind. Ununterbrochen und unüberhörbar erfüllte ich den mütterlichen Wunsch und schrie das eine Wort: „Neeeeiiiinnnn!“ Es darf mich also nicht wundern, dass ich das alles jetzt von meinen Kindern zurückkriege.

Der Mittlere (2) durchlebt gerade seine erste Phase des nicht ganz so zivilen Widerstands: Jeder Satz beginnt mit „Nein“. Gefolgt von „nicht“: „Nein, nicht Hände waschen! Nein, nicht Wasser trinken!“ Sagt er und greift im selben Moment nach dem Glas, um Wasser zu trinken. Man könnte fast meinen, er sagt nur aus Prinzip Nein. Selbstverständlich gibt es auch Neins, die berechtigt sind. Beim Essen zum Beispiel versteht der Junge keinen Spaß. Neulich hielt sich seine Schwester (5) ein Cornflake ans Auge (Genauer gesagt war es ein Dinkelflake. „Nein, Cornflakes schmecken mir nicht!“). Der kleine Bruder aber wies die Große zurecht: „Nein, essen, nicht Auge! In den Mund! Hör auf!“ In dem Fall widersprach ich ihm nicht. Und die Schwester darf sich auch nicht beschweren. Ist sie doch die ungekrönte Königin der Neinsager. Ich erinnere mich an folgenden Dialog: „Möchtest du Malzkaffee?“ „Nein!“ „Möchtest du Tee?“ „Nein!“ „Was möchtest du trinken?“ „Nein!“ „Immer diese Nein-Debatte!“ „Nein!“ „Das raubt einem ja den letzten Nerv.“ „Nein!“ „Sag doch nicht immer nur nein!“ „Nein, nicht immer nein sagen!“

Neinsagen ist für Kinder offenbar eine Art Lebensprinzip, ein Ritual, mit dem sie ihre Selbstwirksamkeit testen. Vor Kurzem las ich ein Interview mit dem Polizeitrainer Steffen Meltzer. Es ging darum, wie man Kinder vor Gewalttaten schützen kann. Er sagte, Kinder werden heutzutage sehr angepasst erzogen. Sie müssen aber üben, laut zu brüllen „Nein, ich will das nicht!“

Da fühlt sich das Nein-Geschrei meiner Kinder gleich viel besser an. Und, wie meine Tante sagt, Ja-Sager hatten wir in Deutschland lange genug. In der Praxis ist die Sache mit dem Widerspruchsgeist nur leider etwas anstrengend. Da tröste ich mich wieder einmal mit einem alten Kinderbuch: „Klara sagt Nein“ von Gunilla Hansson. Essen, anziehen, rausgehen – Klara sagt zu allem Nein. Bis die Mutter selbst schreit: „Das ist zu viel, nein, nein, nein!“ Da tröstet Klara ihre Mama. Wenn ich auch manchmal so getröstet werde, sage ich gerne Ja zu Nein.

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