Dass mir morgens zwischen 6.10 und 6.45 Uhr bei der Lektüre der Zeitung regelrecht der Schreck in die Glieder fährt, weil ich etwas registriere, von dem ich zumindest eine Ahnung habe, dass mich noch am selben Vormittag die Leute deswegen anrufen werden, passiert eher selten, denn nach fast zehn Jahren in diesem Job habe ich mir so etwas wie eine mich vor allem drohenden Unmut schützende Gelassenheit aneignen können. Heute aber hat auch sie mich nicht davor schützen können, dass ich einen kurzeitigen Anfall von Schnappatmung verspürte, als ich auf der Seite "Nachrichten für Kinder" den Artikel "Platz da!" registrierte und beim Anblick des Fotos (siehe oben) nur dachte: "Das ist jetzt nicht wahr, oder?" Mir war klar, dass von den (geschätzten beziehungsweise gefühlten) zehn Lesern, die bei mir als "Radfahrerhasser" geführt werden, ein paar Anrufen, um mir mal wieder klar zu machen, dass nicht die Autofahrer das Problem im Straßenverkehr sind, weshalb so viele Unfälle passieren, sondern eben die Pedalritter selbst dafür verantwortlich zu machen sind, dass sie bei einem Crash mit einer Blechkarosse so oft stürzen, weil sie eben glauben, sich nicht an die Regeln halten zu müssen. Letztendlich waren es dann doch nur drei Anrufer, die das Bild mit dem Radfahrer, der neben einem extra gekennzeichneten Radweg fährt, damit gegen die Verkehrsordnung verstößt und sich höchst fahrlässig, zum Anlass genommen haben, um mal wieder höchst emotional und nicht weniger lautstark über die Radfahrer auf den Straßen in unserem Land herzuziehen. Von ihren "Beweisen" für die Unfähigkeit der Radfahrer, sich an die Bestimmungen zu halten, möchte ich drei Beispiele anführen: Fahren in Fußgängerzonen, in Einbahnstraße entgegen der vorgeschriebenen Fahrtrichtung und bei Rot eine Fußgängerampel überfahren. Was die drei Männer sonst noch von den Radfahrern halten, behalte ich mal für mich, allerdings bin ich mir treu geblieben und habe gar nicht erst versucht, mit den Lesern zu diskutieren. Weil ich weiß, dass das der kleinste gemeinsame Nenner ist, habe dann noch gesagt: "Ganz ehrlich, ich glaube, dass es unter den Radfahrern genauso viele rücksichtslose Menschen gibt wie unter den Autofahrern." Die drei Leser haben mir vorbehaltlos zugestimmt. Dann aber, weil ich mir dies selbst schuldig bin, habe ich ihnen als Beleg für diese Erkenntnis noch mein Erlebnis von gestern Abend geschildert: Während meiner Trainingsrunde fahre ich von einer Seiten- auf eine Hauptstraße, deren Verlauf an dieser Stelle eine wirklich langgezogene Kurve ist, als ich in einer Entfernung von rund 100 Metern von rechts einen Lieferwagen sich nähern sehe. Der Abstand ist groß genug, also fahre ich auf die Hauptstraße und fahre ganz rechts am Fahrbahnrand weiter. In diesem Moment nähert sich aus der Gegenrichtung ein Auto, so dass der Lieferwagen hinter mir bremsen müsste, weil er mich nicht mit dem vorgeschriebenen Mindestabstand überholen kann. Was aber macht der Mann am Lenkrad? Er betätigt die Hupe im Dauerton und passiert mich in einem Abstand von weniger als einem halben Meter, wodurch ich gezwungen bin, auf den Randstreifen zu fahren, um eine Kollision und in der Folge einen Sturz zu vermeiden. Deshalb wage ich einmal mehr diese These: Der Drang zur vermeintlichen Selbstjustiz ist bei Autofahrern um ein Vielfaches größer als bei Radfahrern. Möchte jemand widersprechen? Nur zu.

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