Mit den Abgründen der menschlichen Natur kann ich manchmal wirklich nur schwer umgehen. Dabei spielt es in den meisten Fällen überhaupt keine Rolle, ob ich Details weiß oder die näheren Umstände kenne, warum sich Leute auf eine Weise gegenüber anderen Zeitgenossen verhalten, so dass mir mitunter ein kalte Schauer über den Rücken läuft. Was mich am meisten daran irritiert und stört ist die Tatsache, dass ich rein gar nichts dagegen unternehmen kann; nicht einmal Trost spenden. Der alte Mann, der über die Telefonzentrale zu mir verbunden worden ist, hatte die Hotline der Zeitung angerufen, weil er verzweifelt war und sich nicht mehr zu helfen wusste. "Ich möchte einfach nur, dass mein Sohn mit mir redet", erklärte er mir sein Problem. Weil er das Gespräch mit seinem Vater am Telefon abgelehnt und einfach immer aufgelegt hatte, war der Senior kurzerhand zu seinem im Nachbarort wohnenden Sohn gefahren und hatte an der Haustür geklingelt. Statt die Tür zu öffnen und mit seinem Vater zu sprechen, hat er ihn bei den Behörden gemeldet, weil er gegen die Kontaktbeschränkungen als Folge der Pandemie verstoßen hatte. "Am nächsten Tag hat sich dann ein Mitarbeiter des Landratsamtes bei mir gemeldet, und ich musste mich rechtfertigen", erzählte mir der Leser in der Leitung weiter. Ein paar Minuten lang habe ich mit dem Anrufer noch gesprochen und unter anderem mit ihm gemeinsam überlegt, wen er noch einschalten könnte, um zu vermitteln, doch es traf auch mich schmerzlich: Da ist niemand, der alte Mann lebt ansonsten allein und völlig isoliert. Mag sein, dass der Sohn einen nachvollziehbaren Grund hat, warum er jeden Kontakt mit seinem Vater ablehnt, doch allein die Zerrüttung des Verhältnisses von Eltern zu ihren Kindern stimmt mich immer wieder zumindest ziemlich nachdenklich. Im Gegensatz dazu war es für mich geradezu befreiend, dem nächsten Anrufer sagen zu dürfen, was ich von dem halte, was er mir gerade erzählt hatte. Seiner Ansicht nach käme nämlich innerhalb der Diskussion um Polizeigewalt der Aspekt zu kurz, dass es sich bei den vermeintlichen Opfern "immerhin doch wohl um Kriminelle oder Verbrecher handelt", was entsprechend seiner Sichtweise dann dazu berechtige, bei der Anwendung von Gewalt auch mal das zulässige Maß überschreiten zu müssen. Da er mir auch noch von "gewissen Kreisen" in Deutschland erzählen wollte, in denen die Polizei zu Recht häufiger auch Gewalt anwenden müsse, habe ich ihm, weil ich mich entscheiden musste, meine Meinung dazu gesagt und mich freundlich von ihm verabschiedet, bevor mir schlecht werden konnte. 

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