Seit Jahren schon fühle ich mich verfolgt, aber es ist weder eine imaginäre noch eine tatsächliche Person, von der ich denke, dass sie hinter mir her ist. Nein, ist eine Eigenart bei der Formulierung von Sätzen, die bei meinen Kollegen in der Redaktion, eigentlich bei den meisten Journalisten eher beliebt ist, als dass sie darauf verzichten wollen, aber bei den Lesern meistens nicht gut ankommt, weshalb sie dann bei mir anrufen und sich beschweren. Weil das heute wieder einmal gleich zweimal hintereinander passiert ist, kam mir gerade die Idee, meinem Blog mal wieder mein Leid(en) anzuvertrauen. Dabei mache ich es wie der Mann heute um kurz vor elf und formuliere es als Frage: Was bedeutet dieser Satz aus der Nachricht "Hunderte Kinder unzureichend geimpft" eigentlich wirklich? Und ist das, was wir denken, dass es die richtige Aussage ist, auch wirklich die korrekte?

"Weniger als 90 Prozent aller Schulanfänger in Sachsen haben nicht den von der Sächsischen Impfkommission empfohlenen vollständigen Impfschutz." 

Der Mann in der Leitung schwieg, während ich darüber nachdachte, wie ich es verhindern kann, mich hier zu blamieren. Also habe ich mir tatsächlich die Zeit genommen, bevor ich geantwortet habe: "Den von der Ständigen Impfkommission empfohlenen vollständigen Impfschutz haben weniger als 90 Prozent aller Schulanfänger." Und es kam, wie es kommen sollte: "Und warum steht das da nicht so, dass ich es sofort verstehe und nicht erst grübeln muss, wie das mit der doppelten Verneinung gemeint ist?" So wirklich hatte ich dann keine Idee, wie ich dem Anrufer den Grund für diese Formulierung erklären sollte, weshalb ich es mit einem (ironischen) Hinweis versuchte, der meine missliche Lage auf den Punkt bringen sollte, ich sagte: "Das bedeutet wirklich nicht, dass ich Ihnen nicht zustimme." Was soll ich sagen, lachen konnte der Leser darüber nicht. Also: Die doppelte Verneinung macht mir schon lange das Leben schwer, und ich habe keine Ahnung, wie ich ihr entgehen könnte. Das zweite Beispiel von heute möge mein Dilemma verdeutlichen:

Auf der Titelseite der gleichen Ausgabe, in der auch die Meldung über den unzureichenden Impfschutz stand, war der Beitrag mit der Überschrift "Lust@Frust" zu lesen, in dem dieser Satz die Hüter der deutschen Sprache dazu anregte, sich bei mir zu melden: "Und Hand aufs Herz: Die wenigsten Nutzer wissen auch 50 Jahre danach nicht wirklich, wie das Internet technisch funktioniert." Soll heißen, ganz klar: Die meisten Nutzer wissen, wie das Internet technisch funktioniert. Also habe ich dem Leser zugestimmt, wobei ich zuerst sagen wollte, dass er nicht Unrecht habe, bevor ich es mir anders überlegt habe, und meinte dass er Recht habe, bevor ich dann meinen Kollegen gefragte habe, warum er die doppelte Verneinung verwendet hatte. Seine Antwort: "(...)" Die möchte ich mit der Bitte um Verständnis für meine Lage, hier zwischen zwei Stühlen zu stehen, für mich behalten. Aber: Ich bin nicht unglücklich deswegen. Und mir raucht der Kopf, irgendwie dreht sich gerade alles. 

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