Schon vor langer Zeit habe ich mich entschieden, mir keine weiteren Gedanken darüber zu machen, dass ich manchmal die Einstellung von Lesern zu bestimmten Themen oder die Gründe für ihr Handeln nicht nachvollziehen kann, weil ich irgendwann festgestellt habe, dass das aus meiner Perspektive meistens vergebliche Liebesmüh ist und den Leuten in der Leitung auch nicht weiterhilft. Weil ich manchmal aber das dringende Bedürfnis verspüre, zumindest nicht alles nur mit mir selbst ausmachen zu wollen, geht es heute in meinen Randnotizen aus der Protokollen der Gespräche mit Lesern zwischen zehn und zwölf zum Wochenausklang hauptsächlich um solche Anliegen.

Episode 1: Es kam, wie es kommen sollte, weil ich genau diesen Gedanken hatte, als ich heute Morgen um kurz nach sechs die Zeitung aus dem Briefkasten zog, das Bild von Uli Hoeneß sah, die Überschrift "Der Bayern-Boss sagt Servus" las, ein Minuten später umblätterte und auf der Seite "Zeitgeschehen" die ganzseitig Reportage mit dem Titel "Im Dauersturm" über den Fußballfunktionär sah und den ersten Satz zur Kenntnis nahm ("Mit dem Abschied von Uli Hoeneß als Bayern-Präsident geht eine Fußball-Ära zu Ende": Vier Leser haben heute deswegen angerufen, der eine Anrufer darf stellvertretend nun zu Wort kommen: "Wie kann man einem verurteilten Steuerhinterzieher noch solch ein Denkmal setzen." Mit allen habe ich über Schuld und Sühne gesprochen, auch über Resozialisierung und Verzeihen, wobei jetzt die eine Frau dazu ihren Kommentar abgeben darf: "Bei allen, aber nicht bei diesem Mann." Und das verstehe ich nicht.

Episode 2: In den vergangenen zwei Wochen haben überdurchschnittlich viele Leser angerufen, nachdem sie an einem offenbar unseriösen Gewinnspiel teilgenommen haben, am Telefon zu einer Zahlung überredet worden waren und nun große Zweifel hatten, dass sie dabei womöglich über den Tisch gezogen worden sind, doch nur bei einem Gespräch habe ich gedacht, was ich hier nich schreiben darf, da es als eine pauschale Diskreditierung ausgelegt werden könnt, denn der Mann in der Leitung teilt mir mit: "Ich habe der sympathischen Frau auch noch die Geheimnummer meiner Kreditkarte genannt." Und das verstehe ich nicht.

Episode 3: Erreichen uns Mails mit einer Meinung, in denen aber keine vollständig Anschrift zu finden ist, werden die Leser angeschrieben und um ihre Kontaktdaten gebeten, damit wir uns davon überzeugen können, dass es tatsächliche und nicht nur ausgedachte Identitäten sind. Heute erreichte mich eine Nachricht von einer Frau, die sich für ihren vermeintlichen Leserbrief ein Pseudonym ausgedacht hatte, daraus nun aber kein Geheimnis machen wollte und diesen Grund nannte: "Ich und diejenigen, die ihre Beispiele beigesteuert haben, fürchten um unser Verhältnis zu Kunden und Vorgesetzten. Wir schränken unsere Meinungsfreiheit hier selbst ein, um Verantwortung an anderer Stelle tragen zu können." Und das verstehe ich nicht.

Episode 4: Nach langer Zeit habe ich nun endlich wieder einmal die Gelegenheit, hier in meinem Blog ein "Gedicht der Woche" zu veröffentlichen, denn diese Zeilen haben mich erreicht, wobei besonders zu erwähnen ist, dass die Autorin vor 30 Jahren noch gar nicht geboren war, sich aber angesichts der vielen Berichte über den besonderen Jahrestag des Mauerfalls lange Gedanken gemacht hatte, bevor ihr diese Zeilen eingefallen sind:

Wir haben diese große, weite Welt. 

Unsere Türen stehen uns offen.

Wir haben eine neue Freiheit definiert.

Heute können wir lieben, wen wir lieben wollen.

Wir können reisen, wohin wir wollen.

Wir können zusammen und gleichberechtigt leben. 

Und vor allem können wir sein, wer wir sind.

Wir. Sind. Eins. - Deutschland, 30 Jahre Mauerfall.


Und das verstehe ich, herzlichen Dank an die Verfasserin.

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