Praxiskurs Demokratie

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In diesem Moment sitze ich an meinem Schreibtisch, auf dem Fensterbrett vor mir verwelken Orchideen, und durch meinen Kopf spazieren Gedanken über die Demokratie, wie sie sein sollte. Junge Menschen sollten wissen, wie Demokratie funktioniert.

Das ist ähnlich wie mit Glaubensbekenntnissen. Bibelverse auswendig zu können, das macht noch niemanden zum Christen. Erst recht nicht, wenn er nicht versteht, wie schwer dieser Satz ist: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Steht im dritten Buch Moses. Damit fängt es an, und dann geht es weiter.

Kind 1 beginnt seine Sätze manchmal so: „Wenn ich Bundeskanzler wäre...“. Dann würde er sofort alle Ställe mit Massentierhaltung schließen und ihre Bosse hart bestrafen. Uijuijuii, sage ich, er wäre dann Diktator. Uijuijuii. Deshalb will ich meinen Kindern Demokratie beibringen. Sie sollen verstehen, was es bedeutet, in einer Demokratie zu leben. Zum Beispiel soll es Kind 1 und Kind 2 in Fleisch und Blut übergehen, dass unser Haus kein Bienenstock ist mit zwei jungen Königinnen und zwei alternden Arbeitsbienen, sondern dass hier jeder gleich viel wert ist. Darum geht‘s. In der Familie, in der Schule, auf der Welt.

Damit Kind 1 und Kind 2 das nicht vergessen, machen wir ein Experiment. Eine Woche werden wir über jede innerfamiliäre Entscheidung demokratisch abstimmen.

Freitagabend geht es los. Wer möchte „Spiderman“ anschauen? Zweimal ja, zweimal nein. „Die unendliche Geschichte“? Muss man gesehen haben. Zweimal ja, zweimal nein. „Loki“? Zwei Ja-Stimmen, zwei Nein-Stimmen. Wir suchen weiter auf Netflix, es vergeht eine halbe Stunde, und die Sonne macht sich auf den Heimweg. Am Ende verändert sich das Machtverhältnis zugunsten von „Spiderman“, weil ich die Nerven verloren und die Seiten gewechselt habe. Wir schaffen aber nur einen halben Film.

Samstagmorgen, wer wäre jetzt für eine Radtour? Zwei Jas, zwei Neins. Kind 2 möchte ins Hallenbad, Kind 1 lehnt alle Freizeitvorschläge ab, bringt aber selbst keinen ein. Ein Oppositioneller.

Sonntagabend, grillen oder Nudeln?

Pesto oder Tomatensoße?

Das Geburtstagsgeschenk für die Tante?

Erdbeerfeld oder Eisladen?

Aldi oder Lidl?

Eine Demokratie aus vier emotional geladenen Rumpelstilzchen. So lebendig, dass die Kinder sich Tiernamen geben. Da wir vier Personen sind, kommt keine Mehrheit zustande, sobald zwei Mitglieder unseres Parlaments anderer Meinung sind. Deshalb schlage ich vor, meine Stimme doppelt zu zählen. Immerhin wasche ich die Wäsche, ich putze, räume die Spülmaschine aus und schmiere Pausenbrote.

Das wurde demokratisch mehrheitlich abgelehnt, was Kind 1 mit dem schönen Satz abschloss: „Demokratie muss an dieser Stelle sehr viel aushalten.“

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