Kind 1 und Kind 2 werden gerade politisch missioniert.

Von jedem Laternenmast grinst sie ein Gesicht an, das in die eine oder andere Partei gehört. In unserem Viertel grinst von den meisten Laternen ein junger Mann. Er trägt einen Anzug, weiße Zähne und sieht aus, als hätte er ein Playmobil-Frisurenhäubchen aufgesteckt. In Kind 1 setzen seine Plakate gewisse Gefühle frei.

Besonders morgens auf dem Schulweg, wenn der Junge mit seinem Kumpel daran vorbeiläuft. Heute Morgen habe er dem Mann mit der Playmobil-Frisur eine geklatscht. Wenigstens seinem Plakat. "Der nervt", sagt Kind 1. Wenn mein Sohn wählen dürfte, würde er den auf keinen Fall wählen. Der verschwende zu viel Geld für Plakate. Und jemand, der so viele Bilder von sich aufhängt, habe sowieso keine Zeit mehr, sich um die Sorgen kleiner Schuljungen zu kümmern.

Der Junge ist neun und Demokratie ist für ihn immer noch, wenn genügend Leberkäse da ist und er samstagabends die Fernbedienung bekommt. Er weiß, dass die Menschen in Afrika arm sind, weil ihre Politiker nur an sich denken. Nun sieht er, dass unsere Politiker Reklame machen, indem sie Bildchen von sich aufhängen.

"Warum müssen die überhaupt überall Fotos ranmachen?" fragt Kind 2. Worauf der Bruder der Schwester erklärt, das sei wie mit dem Joghurt: "Den willst du auch nur, weil du ihn ständig in der Fernsehwerbung siehst." Der Junge würde den Leuten auf den Plakaten was in die Hand drücken. Käseröllchen für die Brotbüchse zum Beispiel, die findet er gut. Damit können seine Kumpels was anfangen. Und wahrscheinlich auch die Erwachsenen, Kinder dürfen ja nicht wählen. Er persönlich würde sowieso den Jungen von der Kinderschokolade wählen. Der steht hinter seinem Produkt, das nimmt Kind 1 ihm ab. Aber das nur am Rande.

Nun also nur Gesichter. An der Frau von den Linken gefällt Kind 2 die Frisur nicht. Außerdem findet das Mädchen, die Frau sieht zu hochdamig aus. Hochdamig als Eigenschaft hat Kind 2 erfunden, extra für die bessere Analyse der Wahlplakate. Kind 2 verwendet es als Abkürzung für jemanden, der sich fein macht und streng guckt. Angela Merkel zum Beispiel sieht in den Augen von Kind 2 normal aus. Jedenfalls nicht hochdamig. Man müsse sich ihr Foto in Ruhe angucken, sagt meine Tochter. "Die sieht nicht aus, als ob sie sich jeden Tag schminkt und so."

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