Reisepläne und Wolle

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Der November war noch nie mein Ding. Ich finde, der November ist die Helene Fischer unter den zwölf Monaten: Taugt was für stimmungsvolle Fotos, taugt aber nichts zur Unterhaltung. Ich mag den November jedenfalls nicht. Ich mag ihn erst recht nicht während dieser nervtötenden Pandemie, weil jetzt alle schniefen und husten und durch trübe Augen schauen. Und wenn sie nicht mit dem Coronavirus infiziert sind, dann mit einem anderen Störenfried des menschlichen Immunsystems.

Was macht man so, wenn man den November überstehen will? Und danach den matschigen Dezember vor der Brust hat und den Januar, den verkaterten? Alles Monate, von denen man im Moment nicht weiß, ob sie genauso kontaktarm sein werden wie die Wintermonate des vergangenen Jahres.

Ich bin dieses Mal besser vorbereitet und habe mir Unterwäsche aus Wolle besorgt. Sie kratzt nicht, riecht nicht und begeistert mich dermaßen, dass ich Smalltalks im Freundeskreis jetzt meistens mit Episoden über meine novembergraue Wollunterwäsche beginne. Nach dem ersten Glas Wein sage ich dann Weisheiten auf wie diese: Vielleicht würden die Menschen vielleicht wieder friedlicher werden, wenn sie häufiger Wollunterwäsche tragen würden. Sie könnten sich darauf besinnen, dass es ihnen doch eigentlich gut geht und dass Zorn in der Weltgeschichte nie ein guter Begleiter war. Ganz im Gegensatz zu Wollunterwäsche. Wäre sie kein Schnäppchen gewesen, hätte sie wahrscheinlich nie den Weg an meinen Körper gefunden. Wie schade das gewesen wäre, kann man erst dann einschätzen, wenn man einmal in Wollunterwäsche in der grauen Novembersoße spazieren war.

Was jetzt ebenfalls hilft: Urlaubspläne. Ich habe gestern meinen Lieblings-Reisekatalog auf den Esstisch gelegt. Auf der Titelseite sieht man ein kleines Boot im Türkiswasser schwimmen. Schon letztes Jahr und vorletztes Jahr wollte ich die Piratenfahrt auf Seite 53 buchen, die daraus besteht, in einem alten Boot mit Mannschaftsdusche über die Adria zu gondeln und abends auf unbewohnten Miniinseln zu grillen. Mein Mann lehnt diese Reise nicht grundsätzlich ab. Aber er befürchtet, Kind 1 und Kind 2 könnten drastisch an Gewicht verlieren. Oder noch schlimmer. Mitten im Sommer als Schlaraffenlandbürger. Weil es auf dieser Reise keine Bratwürste, keine Nudeln und keine Pizza gibt, nicht einmal einen McDonald‘s, mit dem sich die Jungmenschen über Wasser halten könnten. Es gäbe: gegrilltes Lamm. „Niemals esse ich das!“, sagt Kind 1. Wenn ich möchte, dass es verhungert: Bitteschön, dann soll ich ihn ruhig dahinschleppen, sagt mein Sohn. So hat der Junge letztes Jahr schon reagiert. Und vorletztes auch. Aber da hatte ich noch keine Wollunterwäsche.

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