Ich muss gerade an Rolf denken. Er trug vor 25 Jahren eine hässliche Brille, gestreifte Hemden und einen schwarzen Aktenkoffer. Damit hatte er eigentlich schon verloren auf dem Schulhof. Erschwerend kam die Tatsache hinzu, dass er Rolf hieß zwischen all den Svens und Jans und Matthiassen.

In der Frühstückspause nach Mathe pflegte es Rolf, eine grüne Gurke zu verspeisen. Er saß auf seinem Platz, wickelte die Gurke aus der Alufolie und aß sie ungeschält und am Stück. Als er fertig war, faltete er die Alufolie zusammen und packte das Silberpapier in den schwarzen Aktenkoffer, damit seine Mutter die nächste Gurke darin einwickeln oder Lamettafäden daraus schneiden konnte. Das führte dazu, dass Rolf noch mehr verloren hatte. Wenn wir Räuber spielten und auf Bäume kletterten und in Büschen Höhlen bauten, stellte Rolf seinen Aktenkoffer mit den korrekten Mathe-Hausaufgaben ab und rückte seine Brille zurecht. „Darf ich mitmachen?“ fragte Rolf. Er durfte unsere Geisel sein.

Gerade muss ich an Rolf denken, weil die Buntstifte meines Sohnes zerbröseln. Man spitzt sie, und dann fällt die Miene ab. Das geht so lange, bis nur noch Holzspäne mit bunten Streuseln übrig sind. Es habe keinen Sinn, ihm neue Buntstifte ins Federmäppchen zu stecken, sagte Kind 1. Ein Junge aus seiner Klasse komme ständig an seinen Platz, um mit geballter Faust auf das Federmäppchen zu klopfen.

"Warum tut er das?", fragte ich.

"Keine Ahnung", sagte Kind 1.

Jedenfalls spielen sie danach zusammen mit den anderen aus ihrer Klasse Tom und Jerry. Tom ist der Fänger, Jerry sind die Ausreißer. Es gibt Tage, an denen beschwert sich mein Sohn. Er müsse immer der Tom sein. Dann geht er in sein Zimmer, nimmt sich Darth Vater und überfällt traurig seinen Bauernhof.

Ich habe mich nie gefragt, wie sich Rolf fühlte als Geisel. Schon gar nicht habe ich mich gefragt, was er abends im Bett seiner Mutter erzählte, wenn sie fragte, wie sein Tag war.

Heute Morgen kroch Kind 1 aus dem Bett, da trank ich meinen ersten Cappuccino am Küchentisch. Der Junge setzte sich auf meinen Schoß und bat mich, von meinem Schoß aus frühstücken zu dürfen. Er habe schlecht geträumt. Von zwei finsteren Typen, die nachts ums Haus schleichen und sein Meerschweinchen kahlrasieren, das den Sommer über im Garten wohnt.

Ich will nicht, dass mein Junge ein Rolf wird. Eigentlich will ich überhaupt nicht, dass er wie irgendwer wird. Ich möchte, dass er genau so bleibt, wie er ist.

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