Neue Eigenschaft entdeckt: schmul. Der Mensch kann nicht nur hübsch sein oder dämlich, er kann auch schmul sein. Das habe ich bei meinen Umfeldrecherchen im Kinderhort erfahren. Zwei Jungs aus der Ersten saßen in der Garderobe. Sie zogen ihre Jacken über und sahen danach aus, als würden sie in naher Zukunft entweder nach Bodenschätzen graben oder etwas verscharren. Ihre Jacken waren mit Schlamm überzogen. Sie wollten in den Hort-Garten, die Jungs. Da sagte Junge 1 zu Junge 2: "Du bist schmul!" Und Junge 2 zu Junge 1: "Du bist selbst schmul!"

Meine Tochter lachte daraufhin so herzhaft wie Dorfstammtischbrüder über Mario-Barth-Witze: "Der Paul ist schmul, wie witzig!"

Ich fragte sie, was das bedeute, schmul zu sein. Ob das etwas mit ihren dreckigen Jacken zu tun haben könnte. Ich erklärte, dass ich noch nie von einer Eigenschaft namens schmul gehört habe. "Keine Ahnung", sagte Kind 2. Ich bat sie, keine Wörter nachzuplappern, deren Bedeutung sie nicht kenne.

Beim Abendessen griff das Mädchen nach der letzten Leberkäsescheibe, worüber sich Kind 1 stark ärgerte. "Du bist schmul!" sagte Kind 1 zu seiner Schwester. Dieses Wort wollte also gerade bei uns einziehen. Kind 1 und Kind 2 haben das Bedürfnis, neue Schimpfwörter einzuschleusen.

Das liegt an mir. Über Geldstrafen will ich regeln, dass die Kommunikation in dieser Familie mehr ist als Currywurst mit Pommes. Ich möchte keinen Penner-Jargon. In unserem Flur steht eine Spardose. Wer flucht oder redet wie Dieter Bohlen, muss Geld reinstecken. Neben der Dose stehen die aktuellen Tarife. Kinder zahlen zwanzig Cent pro Schimpfwort, Erwachsene fünfzig Cent. Dazu gibt es eine Liste mit den Wörtern, die auf dem Index stehen. Das ist vermutlich eine der deutlichsten Rechtssprechungen, die in der Bundesrepublik existieren. Der Dosen-Boden ist mit Geld bedeckt.
Nun bewirbt sich das neue Wort "schmul" um einen Index-Platz. Aber Kind 1 konnte mir auch nicht erklären, wann eine gute Gelegenheit ist, um "schmul" zu sagen. Nach der Theorie meines Sohnes ist schmul das Gegenteil von cool. Da rückte ich meine Theorie heraus. Dass ich weiß, dass Schmul ein Jungsname ist, und zwar ein jüdischer. Und dass ich glaube, dass sich Kind 1 und Kind 2 wahrscheinlich verhört haben und ihre netten Schulkameraden gleich mit. Sicherheitshalber schrieb ich "schmul"“ auf den Index.

Dann redeten wir über Wintervögel am Vogelhäuschen. Ich wollte nicht erklären, wie genau sie sich verhört haben. War zu müde.

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