Ich werde jetzt erzählen, wie ich aus einer großen, braunen Pfütze steige: schmutzig. Haha.

Es gibt recht viele Friedhofshecken in unserer Siedlung. Das sind diese dicht in Reihe gepflanzten und immergrünen Bäumchen, hinter denen Golfrasen wächst. Wenn man den gemäht hat, greift man zum Desinfektionsfläschchen. In diesem Milieu hat mich Frau Meier zum Matschausflug angemeldet. Am Neujahrsmorgen um vier. Hindernisrennen im Schlamm seien schwer in Mode, meinte Frau Meier und krempelte die Ärmel ihrer Ralph-Lauren-Bluse nach oben.

Angeblich ist das Extremsport. In Wahrheit versteckt sich dahinter eine schmutzige Kampagne des Berufsverbandes der Verhaltenstherapeuten. Zielgruppe: Mütter und Väter. Wir tragen bei der Arbeit nach Blumen duftende Hemdchen. Und abends sitzten wir mit kleinen Menschen am Tisch, bei denen der Dreck unter den Nägeln so fest sitzt wie Florian Silbereisen in der Volksmusikindustrie. Kind 1 und Kind 2 haben ja nichts gegen Wasser. Nur gegen Seife. Sie bevorzugen es, solange in der Badewanne zu bleiben, bis sich der Schmutz von selbst ablöst.

Das Leben von Kind 1 und Kind 2 ist weitgehend Schokolade. Wenn man erwachsen ist, ist das Leben schon eher Knäckebrot. Deshalb stehen wir morgens nicht gerne auf, lesen heimlich Bild-Zeitung und erfreuen uns daran, dass es Daniela Katzenberger gibt.

Zurück zu Frau Meier. Sie schickte mir über Whatsapp dreckige Lektüre aus dem Internet. Vor unserer Abreise zum Matschwettkampf sollte ich einen Text von einem gewissen Doktor Strunz lesen, der darüber philosophiert, dass der Mensch mehr Schmutz braucht. Der Doktor schreibt, er trinkt gerne aus Pfützen und beruft sich auf Wissenschaftler aus London. Die hätten herausgefunden, dass Bodenbakterien Glückshormone wachkitzeln.

Etwas später saßen wir im Auto. Wir fuhren dreihundert Kilometer, kletterten über Schlammberge, schwammen durch Drecktümpel, krochen durch Erdlöcher, bewarfen uns mit Lehmboden-Bällchen. Am Ende klebten wir uns Tattoos auf die Arme und aßen Pommes.

Stolz trage ich nun Freitag für Freitag die Schmutzwäsche aus dem Kinderhort nach Hause. Je dreckiger, desto besser war die Woche von Kind 1 und Kind 2. Wenn das kein Therapieerfolg ist. Lässt sich auch in Politik und Wirtschaft übertragen. Ich schlage deshalb vor, dass jeder, der ein großes Amt hat, regelmäßig kräftig matschen muss. Wenn nicht, soll er ein Schlückchen Pfütze trinken. Sonst nimmt er sich zu ernst.

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