Schnee von gestern

Schon gehört?
Sie können sich Ihre Nachrichten jetzt auch vorlesen lassen. Klicken Sie dazu einfach auf das Play-Symbol in einem beliebigen Artikel oder fügen Sie den Beitrag über das Plus-Symbol Ihrer persönlichen Wiedergabeliste hinzu und hören Sie ihn später an.
Artikel anhören:

Es ist schön, dass es geschneit hat. Wir stapfen wieder über den weißglasierten Asphalt, als wären wir Dekofiguren in einer sehr großen Schneekugel. Schneekugeln. Der Traum meiner Kindheit. Ich konnte versinken in diesen Schüttelgläsern, in denen das Rotkäppchen mit dünner Bluse lächelnd gegen den Schneesturm anstapfte, den ich dem armen Kind beschert hatte. Ewig konnte ich dem Rotkäppchen dabei zuschauen, ständig neue Schneestürme auslösend. Das war mein YouTube.

Irgendwann zwischen meiner Jugend und dem Jetzt muss es einen Moment gegeben haben, in dem Schneekugeln in die Ramschecken umgezogen sind. Dort wohnen sie neben den Wackeldackeln, die genauso beherzt weggekickt wurden und verschwunden sind vom Radar der Herzöffner-Artikelhersteller. Ich bringe es nicht übers Herz, meiner Tochter eine Schneekugel zu kaufen. Was die Ramschecken heute an Kugeln hergeben, finde ich kitschig und überteuert. Aber alles andere, was in meiner Kindheit im Zusammenhang mit Schnee meinen Geist geformt hat, ist gerade wieder da.

Nachmittags, wenn der letzte am Tisch anfängt zu heulen, sperren wir unser gemeinsames Corona-Großraumbüro zu und stapfen mit den Schlitten durch den Schnee zum Rodelberg. Wir liefen gestern einen Umweg, weil ich Lust hatte, noch ein paar Schritte zu gehen. Außerdem zählt meine Uhr meine Schritte und sendet sie direkt an meine Nachbarn. Deshalb bin ich ehrgeizig. Wir liefen am Spielplatz vorbei, und da stand ein Junge, sechs vielleicht, und stemmte seinen Körper gegen einen Schneemann. Er drückte so lange, bis der Schneemann in den Schnee viel. Ich musste an die vielen umgeschubsten Schneemänner meiner Kindheit denken. Manchmal gelang es mir, die Täter vom Fenster aus zu beobachten. Es waren zweifelhafte Persönlichkeiten, schon als Kinder. Erst schubsten sie Schneemänner um, dann Mülltonnen, dann versanken sie Wochenende für Wochenende trinkend hinter Bartresen.

Wir gingen zu dem Jungen, Kind 1, Kind 2 und ich, und ich fragte ihn, ob das sein Schneemann sei und ob er ihm umfallen sei. Der Junge schüttelte den Kopf. Wir halfen dem Schneemann auf, und er klopfte den Schnee am Boden fest, damit die Skulptur besser steht. Wir liefen weiter und blieben irgendwann wieder stehen, auf Kind 1 wartend. Dann erschien Kind 1, erklärend, dass es sich versteckt und den Jungen beobachtet habe, wie der wieder den Schneemann kippen wollte: „Ich habe laut Buh gemacht. Da ist er weggerannt.“

Weitere Blog-Einträge