Mit Beginn unseres Hilfseinsatzes für Gudrun und mich, Gudrun möchte neben ihrer Unterstützung des Hilfsprojektes auch ihr Patenkind in Namibia besuchen, füllt das Thema Corona Virus immer mehr die Schlagzeilen. Gudrun hält mich stets auf dem Laufenden, ich habe kaum ein Ohr dafür, kann die Horrormeldungen und Scherze über Klopapier und Nudeln kaum mehr erhören. Europa ist weit weg, mich füllt das Thema bessere Bildung für die abgehängten Kinder im Busch voll aus.

Doch letzten Samstag, 14.3.2020 gegen 13 Uhr,
wir sitzen mit Jugendlichen zusammen, die mit Unterstützung des Mayana Mpora Projektes die Hochschulreife erreichen wollen oder sich bereits im Studium befinden, erhalte ich ein Statement des Präsidenten Hage Geingob zur Lage bezüglich der horrenden Ausbreitung des Corona Virus. Zwei Spanier seien in Namibia positiv getestet worden. Daraufhin sagt der namibische Präsident die 7-tägigen Feierlichkeiten anlässlich des 30. Jahrestages der Unabhängigkeit Namibias ab. Der finanzielle Aufwand für die Feierlichkeiten wird in den Kampf gegen das Coronavirus umgeleitet. Sofortiger Beifall ertönt in unserer Gesprächsrunde, denn die riesigen Summen, die dafür eingeplant waren, haben für großen Unmut in der Bevölkerung gesorgt. Die zweite Festlegung im Statement, sämtliche Flüge von Qatar, Deutschland und Äthiopien sind ab sofort für 30 Tage eingestellt, registriere ich, das Thema jedoch gerät für mich schnell wieder in den Hintergrund.

Zurück in der Lodge, es wird ernst. "Ihr könnt gern die 30 Tage in der Lodge wohnen bleiben", empfängt mich Pieter, der Wirt der n‘Kwazi Lodge und Leiter der Projekte um Mayana Mpora. Plötzlich werde ich hellwach. Stunden später erreiche ich endlich über die Notfallnummer der Deutschen Botschaft eine geduldige Gesprächspartnerin. "Sie haben keine Chance und müssen sich auf die 30 Tage einstellen, die der Präsident verordnet hat. Die Alternative, mit South African Airways nach Südafrika bzw. mit KLM über die Niederlande auszufliegen, ist keine Garantie dafür, zurück nach Deutschland zu kommen. Die Situation ändert sich fast stündlich. Entscheiden Sie in Ruhe für sich, wo es angenehmer für Sie sein wird, die 30 Tage zu verbringen. Entschuldigung, ... viele Kunden in der Leitung."

Sonntag, 15.3. Mittagszeit, familiäres Abschiedsfest-Essen.
Die Stimmung ist getrübt, es gibt nur noch ein Thema. Pieter bekommt seit dem Morgen Absagen von Reisegruppen und Individual-Touristen. Wenn keine Touristen mehr ins Land kommen, wird die gesamte Branche zusammenbrechen. Es handelt sich bei der Tourismusbranche nach der Fisch- und Bergbauindustrie um die dritt größte Einnahmequelle Namibias und um die höchste Anzahl von Arbeitnehmern.

Ich nehme Kontakt mit AirNamibia auf, denn für den späten Nachmittag ist unser Rückflug in die Hauptstadt nach Windhoek gebucht. Wir stünden nicht mehr auf der Flugliste, unser Unternehmen oder AirNamibia habe uns vermutlich gestrichen, vernehme ich am anderen Ende. "Kommen Sie lieber zur Klärung der Umbuchung persönlich zum AirPort." Das traditionelle Abschiedsessen am Sonntag Mittag mit der Familie hatte ich mir anders vorgestellt. Corona verdirbt unsere Stimmung. Ich dränge zum Aufbruch, reger Betrieb herrscht auf dem kleinen Flughafen in Rundu, die Embraer RJ135 steht zum Abflug bereit. Am CheckIn-Schalter erhalte ich die Auskunft, dass unser gesamter Flug bis nach Deutschland durch die Lufthansa (?) gestrichen wurde und zu gegebener Zeit neu gebucht wird.

Zur gleichen Zeit in Deutschland. Die Aufregung in meiner Familie ist groß, meine Tochter erfährt Rückhalt durch eine sehr engagierte Freundin und ehemaligen Redakteurin der Freien Presse, die ihrerseits Kontakt mit Veronika Bellman, Mitglied des Bundestages aufnimmt. All diese stärken mir ab sofort den Rücken in Namibia. Glücklicherweise hat sich der Zugang zum Internet im Laufe der letzten elf Jahre auch in Namibia positiv entwickelt, sodass wir gut über whatsapp miteinander kommunizieren können. Für den restlichen Sonntag können wir nichts mehr tun, sind wir uns einig, wir müssen den nächsten Tag abwarten für weitere Informationen im Reisebüro.

Namibia n'Kwazi Lodge. Wir verbringen den Abend im netten Gespräch mit zwei Frauen aus Deutschland, die noch nichts von der neuen Situation in Namibia mitbekommen haben. Sie strahlen voller Erwartung und sind zuvorderst auf einen interessanten Urlaub eingestellt. Alles andere wollen sie später an sich heranlassen. Über den Trans-Caprivi-Highway werden sie weiterreisen nach Botswana, wo sie ihren Leihwagen abgeben, mit dem Bus in Simbabwe die Viktoria Wasserfälle erreichen und von dort aus zurückfliegen. Doch auch für sie ändert sich plötzlich alles.

Montag Morgen, Pieter kommt im Auftrag des Reiseunternehmens der beiden Frauen mit einer schlechten Nachricht. Die Einreise nach Botswana ist für Deutsche ab sofort nicht mehr gestattet. Die beiden Frauen müssen nach Windhoek zurückfahren und das Auto in ihrem dortigen Verleih abgeben. Aus der Traum.

Unbeschwert, während meine Tochter voller Aufregung Kontakt mit dem Reisebüro aufnimmt, fahre ich ganz entspannt mit Gudrun nach Rundu. Wir kaufen einige persönliche Dinge ein, da wir uns nun auf eine längere Zeit in der Kavangoregion einstellen müssen. Die Tambuti-Lodge, auf einer bergigen Anhöhe am Strandufer des Okavango gelegen, zieht mich heute magisch an. Öfters bin ich an deren Hinweisschild vorbeigefahren, die Zeit für einen Stopp hat immer gefehlt, leider. Wir bestellen einen Salat mit Krokodilstreifen. Plötzlich lese ich auf meinem iPhone "DRINGEND". Ich rufe meine Tochter an. "Ihr müsst schnellsten nach Windhoek reisen, für Mittwoch ist Euer Flug über Amsterdam nach Dresden gebucht."

Wie kommen wir so schnell nach Windhoek, warum war unser gestriger Flug nach Windhoek gestrichen, obwohl er nach wie vor im neuen Reiseplan steht? Der Intercape Bus, mit welchem ich die ersten Jahre meiner Einsätze in den Nordosten hin und zurück unterwegs war, fährt nicht mehr. Ein junger Volontär aus Deutschland am Nachbartisch mit seinen Eltern, die ihren Sohn besuchen, mischt sich ein und reicht mir die Telefonnummer des OASIS-Bus, der jede Nacht von Katima Mulilo nach Windhoek fährt. Ich rufe sofort das Unternehmen an, welches von mir zuerst die Vorauszahlung auf deren Konto verlangt, nach Eingang des Geldes bekäme ich alle notwendigen Daten per Email zugesandt. Das geht natürlich nicht mit dem Konto der Commerzbank oder der DKB. Wir nehmen uns noch die Zeit für unseren Krokodilsalat und ein Amarula-Eis Don Pedro.

Zurück in der Lodge. Geld-Anweisung durch Pieter, Koffer Packen, tränenreiche Verabschiedung von den Angestellten der Lodge. Pieter und seine Frau Diana bringen uns zum Busplatz, es regnet. Gudrun hat ihr Familien-Fotobuch mit, welches im Auto sitzend die Wartezeit auf den Bus verkürzen hilft. Gute Nachtfahrt nach Windhoek mit Zwischenstopps an den großen Tankstellen.

Dienstag, 5:15 Uhr Windhoek. Ankuft auf dem völlig durchnässten sandigen Busplatz, Pfütze reiht sich an Pfütze. Unseren Taxifahrer Fernando hat mein Hilferuf des nachts nicht erreicht, deshalb steigen wir in ein städtisches Taxi. Ich bin freudig überrascht, dass der Wachschutz des Chameleon uns gleich am Eingang empfängt, sodass wir nicht noch längere Zeit im Finstern und im Regen vor dem Rucksackhotel stehen müssen.

Mehrfach an diesem Tag versuche ich unsere Buchung bei KLM einzusehen, wie mir dringend durch das Mitglied des Bundestages Veronika Bellman, geraten wird, außerdem soll ich mich unbedingt in die Kriseninterventionsliste einschreiben für den Fall, dass wir von der BRD zurückgeholt werden müssen. Spät am Abend gelingt es mir dann, Online einzuchecken und ich sehe sogar unsere Sitzplatznummern für beide Flüge. Die Kriseninterventionsliste kann ich dagegen erst nachts gegen 2 Uhr erreichen, der Server ist überlastet. Zu viele Menschen im Ausland wollen sich gleichzeitig registrieren.

Mittwoch, es geht los. Fernando, mein treuer Taxifahrer seit 2009, ist seit 30 Minuten überfällig. Wir wollen möglichst zeitig am Flughafen sein, er vertröstet mich auf weitere 30 Minuten, da er sich durch das derzeitige Chaos auf dem Flughafen verspäten wird. Das kann ich nicht zulassen, wir rufen einen anderen Fahrer, namens Boige (fast mein Namensvetter). Er bringt uns sicher zum Flughafen und vorbei an der langen Warteschlange bis zum Business-Schalter, da wir bereits eingecheckt sind. Welch ein Glück. Doch ein letzter großer Schreck für mich, mein Einreisestempel in meinem Reisepass wird nicht gefunden. Es wird angezweifelt, dass ich im Februar eingereist sei, der letzte Einreisestempel sei vom September 2019. Ich bin in diesem Moment durch die erneute Aufregung blind und finde den Stempel ebenfalls nicht. Ich bin mir sicher, dass es diesen Stempel in meinem Pass gibt, habe ich ihn doch bei der Einreise zum Geldwechsel am Bankschalter der Beamten vorgezeigt, die ebenfalls vergeblich danach gesucht hatte.

Mittwoch, 17:30 im Flugzeug der KLM A330-200
Ansage des Piloten, "Dies ist vorerst unser letzter Flug aus Namibia, wir landen noch einmal in Luanda um weitere gestrandete Fluggäste aufzunehmen"

Um uns nicht zu verunsichern, haben sich meine Tochter und meine Freundin abgestimmt, uns nicht mitzuteilen, dass laut Flugliste vom 18.3. unser Flug von Amsterdam nach Dresden gestrichen sei. Sie erbaten von uns einzig die Information aus Amsterdam, wann und wo unsere Maschine der KLM, der Cityhopper, landen werde. Diesbezüglich stand meine Tochter mit Gudruns Ehemann in Verbindung, der uns vom Flughafen, welchem auch immer, mit dem Auto abholen wollte.

Ich danke allen, die geholfen haben, dass meine Begleiterin Gudrun und ich mit dem letzten regulären Flug zurück nach Dresden fliegen konnten. Da ist vor allem meine nicht namentlich genannt werden wollende langjährige Freundin aus der Freien Presse, die Kontakt zu Veronika Bellman aufnahm, die Flugpläne im Internet überwachte und stundenlang den Kontakt zur Lufthansa suchte, da ist meine Tochter als Drahtzieher und Bindeglied zwischen allen Stationen und Gudruns Ehemann, der letztendlich glücklich seine Frau wieder in die Arme schließen konnte.

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