Einer 83-jährigen Leserin habe ich heute erklären dürfen, dass der Mensch beziehungsweise (weil mir das in diesem Fall zum besseren Verständnis sinnvoller erschien) der Mann durchaus Sex haben kann, ohne dass er mit dieser Frau verheiratet ist, in einer festen Beziehung lebt oder zumindest versucht, mittelfristig eine Partnerschaft einzugehen. "Also nur, weil er gerade Lust dazu hat?", fragte mich die Frau in der Leitung und fügte, ohne dass ich überhaupt die Chance hatte zu antworten, dann hinzu: "Ich sag's ja immer, mit der Moral ist es heutzutage nicht mehr weit her, und das ist mir auch bei Ihrer Zeitung aufgefallen, dass es viel öfter als früher nur noch um Sex geht." Obwohl ich sie dazu (höflich und eher diskret) dazu aufgefordert hatte, wollte sie mir dann doch kein Beispiel für den Sittenverfall in der Zeitung nennen. Mir kamen an dieser Stelle spontan die beiden letzten Fälle von "zu viel Sex im Blatt" in den Sinn, und ich musste nicht einmal die Archivsuche aktivieren, um mir die Artikel vor mein geistiges Auge zu holen: "Das Auge isst mit" lautete die Überschrift des einen Artikels, in dem es darum ging, warum Männer in einem Restaurant mehr Geld ausgeben, wenn sie mit einer hübschen Begleiterin speisen; der Artikel selbst war nicht der Grund für die vielen Beschwerden von Lesern, es war vielmehr das Foto, das eine (kopflose) Frau mit einem ausgesprochen prallen Dekolleté zeigte, wie sie mit Messer und Gabel vor einem leeren Teller sitzt. Der zweite Bericht stand unter der Überschrift "Können Sexroboter unser Liebesleben revolutionieren", wobei ich wohl nicht weiter erklären muss, worum es in dem Text ging; auch hier war das Bild der Stein des Anstoßes, denn es zeigte eine Frau, die den Mund eines Sexroboters küsste, und zwar auf eine Weise, die nicht missverstanden werden angesichts dessen, was wohl als nächstes passieren wird. Aber ich schweife ab, vielleicht es am Thema, wer weiß, deshalb zurück zum eingangs erwähnten Thema "Sex ohne Liebe".

Der Grund, weswegen die alte Dame mich angerufen hatte, war eigentlich eher ein banaler und gar nicht von der Motivation getragen, mit mir über Sex allgemein und speziell mit wechselnden Partnern zu sprechen. Die Frau hatte in der heutigen Ausgabe auf der der Seite "Kultur & Service" den Bericht "Treuetest als Doku-Soap" über die anstehende Premiere der Oper "Così fan tutte" von Mozart auf der Bühne des Mittelsächsischen Theaters in Freiberg gelesen. Und bevor ich ins Detail gehe, nur diese vorneweg: In der Oper geht es durchaus auch darum, dass man Sex haben will mit Leuten (Frauen wie Männer), mit denen man ansonsten diesbezüglich weniger am Hut beziehungsweise im Bett hat. Dass es hier eher um Treue und Moral geht, wird für gewöhnlich angeführt, wenn man dem vor rund 230 Jahren verfassten Sujet eine historische Legitimation geben möchte; in Wahrheit geht es meiner Ansicht nach um Lust auf Sex. Aber ich neige schon wieder dazu, mich nicht zügeln zu wollen, beim Schreiben, nicht bei dem, worum es in der Oper geht. Also:

Um diesen Satz ging es der Leserin: "Man müsste schon sehr naiv oder ersatzweise borniert sein, um nicht zu erkennen, dass eine solche Oper in ihrer Zeit auch als Legitimation für männliche Promiskuität herhalten musste." (Nur so ganz nebenbei: Mein Kollege, aus dessen Feder der Bericht stammt, sieht das mit dem Sex in der Handlung genauso wie ich, was mich, ehrlich gesagt, doch ein bisschen tröstet.) Denn das gesamte Drama des Gesprächs und die Diskussion darüber, wie es um die Sexualmoral allgemein und vor allem in der Zeitung bestellt ist, begann mit dieser Frage der 83-jährigen Frau: "Ich habe es leider in meinem Duden nicht gefunden, können Sie mir mal erklären, was Promiskuität bedeutet?" Der Bitte bin ich gern nachgekommen, nur bei der Wahl der Wörter für die Beschreibung von Menschen, die promiskuitiv leben, hätte ich etwas feinfühliger sein können.

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