Kind 2 hat sich mit seiner neuen Situation als jüngstes Opfer der Schulpflicht arrangiert. Abends fragt es nicht mehr, ob es am nächsten Morgen wieder in die Schule muss. Und freitags hat es sich seinem Schicksal derart gefügt, dass es fragt, was es morgen in der Schule zum Mittagessen bekommt.

"Du hast frei morgen, es ist Wochenende", sage ich.

"Oh", antwortet das kleine Mädchen und fällt erleichtert in einen tiefen Schlaf, noch bevor ich das Zimmer verlassen habe.

Mit dieser Nummer könnten wir bei Siegfried und Roy auftreten. Seit meine Tochter zur Schule geht, schläft sie beim Betreten ihres Bettes ein. Als würde jemand den Stecker ziehen. Denselben Effekt hat das Sofa auf meinen Mann. Nun gibt es zwei Möglichkeiten, warum das so ist bei Kind 2. Es könnte einen geheimen genetischen Code geben, den der Vater seiner Tochter ins Erbgut geschmuggelt hat und der sich mit Schuleintritt entschlüsselt. Es kann aber auch sein, dass das Leben einen Schulanfänger so viel Kraft kostet wie seine Mutter das Zuckertüte-Vollstopfen ein paar Tage zuvor.

Ich kann leider nicht herausfinden, was zutrifft. Kind 2 spricht nicht über die Schule. Ab und zu beklagt es sich. Es habe noch nichts gelernt, wofür es sich interessiert! Wahrscheinlich unterliegen Abc-Schützen der Schweigepflicht. Auf die Frage, was es denn in der Schule gemacht habe, antwortet Kind 2 mit "nix weiter". Die Freundinnen von Kind 2 beglücken ihre Eltern mit ähnlich klaren Auskünften. Wir sind misstrauisch. Von "nix weiter" bekommt man keine Augenringe.

Ein verzweifelter Vater gründete für die Klasse meiner Tochter eine Eltern-Selbsthilfegruppe. Die besteht aus einem Whats-App-Chat, in dem wir zusammenkratzen, was wir wissen. Jedes Elternteil, das etwas herausgefunden hat, darf es in den Verteiler tippen:

"Kind A hat erzählt, es braucht Draußenturnschuhe. Stimmt das?"

"In unserem Ranzen steckt nur das Hausaufgabenheft. Was hat das zu bedeuten?" Eltern neigen dazu, mit ihrem Kind zum Wir zu verschmelzen. Unser Ranzen. Unser Zeugnis. Unser abgekauter Bleistift.

Und dann bricht Kind 2 sein Schweigen. "Ich habe einen König bekommen", verkündet es feierlich. Der König ist ein Stempel im Hausaufgabenheft, ein Lachgesicht mit Krone. Das Nonplusultra, wie Kind 2 erklärt. Ich sollte mich also vorsichtig entspannen.

Abends im Bett fragt mich der kleine Mensch, ob er auch an seinem Geburtstag in die Schule muss. "Ja", sage ich. Und ich denke daran, dass meine Tochter noch fast doppelt so lange zur Schule gehen muss, wie sie auf der Welt ist. Und wie schwer das manchmal ist.

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