Jedes Mal, wenn ein neues Jahr beginnt, bin ich schrecklich müde. Als wäre ich ein Schwimmreifen, aus dem jemand die Luft ablässt. Und ohne Luft ist das Gummidings verschrumpelt und unbrauchbar. So wie mein Körper, wenn ein neues Jahr anfängt.

An dieser Stelle kann man sich fragen, warum das so ist. Die kluge Antwort wäre: Leute, ich habe keine Ahnung, ob ich dieses neue Jahr leiden kann! Mein Glückskeks hatte ein Sprüchlein im Bauch, das mich intellektuell sehr beansprucht. "Nur die Weisesten und die Dümmsten können sich nicht ändern." Was bedeutet das für mich als Mensch ohne Neujahrsvorsätze? Die naheliegende Antwort darauf, weshalb ich so schrecklich müde bin, hängt mit Silvester zusammen. Hier das Protokoll des letzten Tages 2018:

13.06 Uhr. Kind 1 sitzt auf dem Wohnzimmer-Fußboden und breitet sämtliche Knallkörper aus, die es mit seinem Vater gekauft hat. Ich schimpfe. "Leg' dich jetzt hin und ruhe dich aus, sonst kannst du nicht bis Mitternacht wach bleiben." Kind 1 sagt, ich sei garstig und gemein.

16.12 Uhr. Auf unserer Straße liegt ein Teppich aus Brummerresten und zerfetzten Knallfröschen. "Eine einzige Rakete. Es ist schon fast dunkel", fleht Kind 1. Der Junge hat sich mit Nachbarskindern und einem Grüppchen böllerfreudiger Väter zur Generalprobe an der frischen Luft versammelt.

17.43 Uhr. Der Besuch sprengt zur Begrüßung eine Konfettikanone im Flur. Kind 2 will Helene Fischer laut aufdrehen. Ich verbiete es.
21.55 Uhr. Das Bier ist alle. Wir gehen spazieren. Kind 1 rennt zu einem Nachbarspärchen, das für seinen kleinen Sohn soeben ein Feuerwerk gezündet hat, und erkundigt sich nach Name, Händler und Preis dieses Sprengkörpers. Dann laufen wir weiter. Der Vater verschwindet mit den Kindern in einem Nachbarhaus. Er fühlt sich von herausblubbernder lauter Musik eingeladen.

22.30 Uhr. Kind 2 und die Freundin des Mädchens singen in unserem Wohnzimmer Karaoke. "Einer von 80 Millionen" heißt das Lied. Danach bin ich dran. Ich nehme Element of Crime und singe: "Wo die Neurosen wuchern, will ich Landschaftsgärtner sein ..."

23.58 Uhr. Ich schenke Sekt ein. "Wollen wir nicht draußen anstoßen?", fragt mein Mann. "Aber das ist jetzt viel zu kurzfristig", sage ich. Er: "Immer geht es nach dir."

2.17 Uhr. Kind 1 bittet mich zum kurzen Gespräch an sein Bett. Es hätte da noch zwei Fragen. "Erstens, knallen wir morgen wieder? Zweitens, was machen wir dieses Jahr?" Wenn ich das wüsste.

Weitere Blog-Einträge


Einen Monat für
nur 1€ testen.
Verlässliche Informationen sind jetzt besonders wichtig. Sichern Sie sich hier den vollen Zugriff auf freiepresse.de und alle FP+ Artikel.

JETZT 1€-TESTMONAT STARTEN