Als wenn meine Kollegen in der Redaktion meine Stoßgebete in Richtung der für lesernahe Artikel in der Zeitung zuständigen Himmelsbewohner mit eigenen Ohren gehört hätten, gedachten sie sowohl gestern auf der Titelseite mit dem Bericht "„Niemand hat die Absicht ...“ als auch heute auf der Seite "Politik" mit der Bildnachricht "Gedenken an Maueropfer" dem 57. Jahrestag der Berliner Mauer. Damit war mir eine große Sorge genommen, denn in der Vergangenheit gab es auch schon Jahre, in denen am 13. August und am Folgetag keine Zeile dazu in der "Freien Presse" gestanden hat und mehrere Leser deshalb (oft lautstark und wenig nett bei der Wahl der Ausdrücke für ihren Ärger) über mich hergefallen sind und sich darüber beschwert haben, dass man solche einen historischen Tag auf keinen Fall vergessen und ihm jedes Jahr wieder entsprechend groß und mit Foto gedenken müsse. Dieses Jahr war es also anders, es gab auch nur einen einzigen Leser, der sich heute wegen dieses Themas gemeldet hat. Nachdem er das Stichwort "Mauerbau" genannt hatte, fiel ich im (zugegeben ziemlich dreist) ins Wort und wies ihn, weil ich mir sicher war, dass der die beiden Artikel gar nicht wahrgenommen hatte, darauf hin, dass sich "Freie Presse" durchaus ihrer Verantwortung gegenüber historischen Ereignisse bewusst sei, und nannte dem Mann die beiden Überschriften einschließlich der Seiten, auf denen sie zu lesen waren. "Wenn Sie mich mal zu Wort kommen lassen würden, könnte ich Ihnen sagen, dass es mir darum gar nicht geht", hörte ich als erstes, nachdem ich mit meiner Erklärung am Ende angelangt war. Der Anrufer erklärte mir: "Mir stößt auch dieses Jahr wieder sauer auf, dass von Seiten der Stadt nichts veranstaltet worden ist, um diesem besonderen Tag ein würdiges Gedenken entgegenzubringen. Ich empfinde das als Schande, das haben die Menschen, die damals in Berlin darunter zu leiden hatten, nicht verdient." Ich hätte das so im Raum stehen lassen und mich bedanken sowie verabschieden können, aber das tat ich nicht. "Es gibt so viele historisch bedeutsame Tage, dass viele Verantwortliche sich entschieden haben, ihrer nur dann zu gedenken, wenn es sich um eine runde Jahreszahl handelt. Beispielsweise veröffentlichen wir am Freitag eine Sonderbeilage zum 50. Jahrestag der Niederschlagung des Prager Frühlings durch Panzer des Warschauer Pakts."  "Das sehe ich anders", meinte der Mann und erzählte mir, dass er damals in Berlin war und selbst erlebt hat, was der Mauerbau für die Menschen in der Stadt für schlimme Folgen hatte. Er hatte gerade angesetzt, mir einzelne Schicksale schildern zu wollen, als eine ziemlich laute Stimme aus dem Hintergrund zu hören war: "Hör auf, das ist ein Wessi, der versteht das doch sowieso nicht." 

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