Spiel des Lebens

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Wie das wohl wäre, wenn wir eine direkte Leitung nach oben hätten? Das Handy würde klingeln, würde „Halleluja“ als Rufton spielen, und du würdest denken: Was will der denn jetzt, um Himmels Willen? Du wüsstest, du musst rangehen. Und dann käme die tiefe Stimme, die sagen würde: „Hört mal, eure kleine Helga wird demnächst zu mir ziehen. Und versucht nicht, mich umzustimmen. Das funktioniert nur bei euch da unten. Hier oben gelten andere Regeln.“

Traurige Kolumnen sind blöd. Sie dürfen weiterblättern.

Unser Dackelmädchen ist tot. Kind 1 und Kind 2 haben sie so fest ins Herz geschlossen, dass sie immer wieder ausrechnen mussten, dass sie selbst mindestens zwanzig Jahre alt sein würden, wenn dieser Tag käme. Mit zwanzig verkraftet man das, wenn der Hund stirbt. So war ihre Theorie. Helga war jung und fröhlich und ein Duracell-Tier, dessen Schwänzchen immerzu wedelte. Das in jeder Wohnung wusste, wo der Kühlschrank steht. Und sich beharrlich davor gesetzt hat, bis ihm jemand ein Wiener Würstchen schenkt. Jetzt ist Helga weg. Jeden Morgen liegt der Boden der Kinderzimmer voller zerknitterter Papiertaschentücher.

Jede Nacht halten andere Gedanken Kind 1 und Kind 2 vom Schlafen ab. Kind 1 fragt: „Mama, kann ein Hund in den Himmel kommen, wenn er nicht an Gott glaubt?“ Mir fällt nichts ein, was klug genug wäre, um als Antwort zu taugen. Also zucke ich die Achseln. Kind 2 fragt: „Sie lag so gern vor dem Ofen. Ist es nicht viel zu kalt dort, wo wir Helga begraben haben?“ Wir haben sie doch in ihre himmelblaue Lieblingsdecke gewickelt, Kind 2, das wird sie mögen. Kind 1 hält sich die linke Brust und sagt: „Mir tut es weh hier drin. Denkst du, meine Schmerzen gehen wieder weg?“ Jeden Tag wird es ein kleines bisschen besser, ganz bestimmt, sage ich. „Aber bei Opa sind sie auch nicht weggegangen, seit Oma tot ist, das weiß ich“, sagt Kind 1.

Bruder und Schwester liegen in Helgas Kuscheldecken, Helgas vollgesabberte Kuscheltiere haben sie aufgeteilt. Es sind die Erbstücke eines kleinen Wesens, das nicht weniger zu geben hatte als bedingungslose Liebe. Kind 1 fragt: „Denkst du, ihr Geruch wird irgendwann von ihren Sachen verschwunden sein?“ Und fragt: „Kann es sein, dass wir uns in einem Portal befinden? Dass das Leben wie ein Level im Spiel ist, dass wir das aber nicht wissen? Und Helga ist eine Runde weiter?“ Das Spiel des Lebens, das wäre schon schön, sage ich. Kind 2 sagt, es weiß jetzt, was Liebe bedeutet: „Liebe ist, wenn dich dein Hund abschleckt. Auch wenn du nicht mit ihm Gassi gehst.“

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