Sprachlos

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Es ist doch schön, wenn die Kinder anfangen, zu sprechen. Noch schöner ist es, wenn sie irgendwann wieder damit aufhören. Es gibt auch Kinder, die können kaum richtig sprechen, und schon sind sie frech.

"Das ist verboten!", ruft der Zweijährige beim Abendbrot, läuft ins Kinderzimmer und kommt mit einem Legostein zurück. Den überreicht er mir feierlich mit den Worten: „Bitteschön, eine Strafkarte!“ Was ich verbrochen habe, bleibt unklar. Vielleicht war es mir verboten, Nein zu sagen. Wir haben da nämlich ein kleines Abendritual. Rituale sollen ja so wichtig sein. Unseres geht so: Jeden Abend sitzen wir am Tisch. Jeden Abend ruft der Kleine: "Ich möchte bitte Brötchen! Mit Nutella!" Jeden Abend bekommt er zur Antwort, dass es abends keine süßen Aufstriche gibt. Und jeden Abend akzeptiert er das klaglos und fängt brav an zu essen. Kleiner Scherz.

Noch schwieriger sind die vielen Fragen. Der Mittlere bekommt vor dem Einschlafen inzwischen ein Fragen-Kontingent von mir. Wenn es aufgebraucht ist, streike ich. So konnte ich durchaus noch erklären, was man mit einem Brandstift macht (das Wort "Brandstifter" war erklärungsbedürftig), und dass ein Lagerfeuer nicht so heißt, weil jemand ein Feuer gelegt hat. Aber was ist, wenn ein Stier ein rotes Feuerwehrauto sieht? Das konnte ich aus Kapazitätsgründen nicht mehr beantworten. Und schon gar nicht die Frage, wie der Stier auf ein silbernes Feuerwehrauto reagiert.

Kaum war in der oberen Etage des Hochbetts Ruhe, meldete sich von unten der Kleine zu Wort: "Was ist, wenn eine Pippi Langstrumpf die Feuerwehr ruft?" "Dann kommt sie"“, antwortete ich ohne zu zögern. Pippis Autorität steht schließlich außer Frage.

Ganz anders sieht es mit meiner Autorität aus. "Legt euch jetzt hin", sage ich den Kindern. "Ich sitz noch ein bisschen", informiert mich der Zweijährige. "Das sehe ich. Du sollst dich hinlegen", antworte ich. Daraufhin rutscht er im Zeitlupentempo von der Sitz- in eine halb liegende Position. "So?", fragt er mit Unschuldsmiene, als wüsste er nicht, wie man sich ins Bett legt.

Immerhin hat er Humor. Vor Kurzem erklärte er mir, es sei der Bagger gewesen, der die Puzzleteile im ganzen Flur verteilt hat. Mehrere Stunden wartete ich darauf, dass der Bagger die Teile von selbst wieder einsammelt. Nichts geschah. Jetzt habe ich den Verdacht, dass der Bagger Teil einer Verschwörung ist. Er bewegt sich nur, wenn ich nicht hinschaue. Aber wenigstens gibt er mir keine frechen Antworten.

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