Staubsauger

Kind 1 fragt mich hin und wieder, welcher Beruf zu ihm passen würde. Irgendwann, wenn es soweit wäre. Es gibt so viel. Ihm selbst schwebt die Laufbahn des Millionärs vor. Um diese Arbeit gut zu machen, würde er jeden Tag gewissenhaft sein Geld zählen, aber das wäre dann auch schon alles.

Dafür ist mir mein Sohn zu schade. Denn Geld kann niemals der Sinn des Lebens sein. Das pflege ich immer zu sagen, wenn mein Mann morgens Online-Bankgeschäfte erledigt und mir vorliest, wer sich alles in meinem Auftrag Geld von unserem Konto gesaugt hat.

Vorgestern hat mein Mann selbst eine größere Summe ausgegeben. Er legte eine große Kiste in die Küche und erklärte feierlich, darin schlummere ein Talent: ein Staubsauger. Einer mit stabilem Rüsselrohr, den man in die Hand nimmt und herumträgt und heulen lässt wie eine Motorsense. Mein Mann erklärte, das sei sein Vorweihnachtsgeschenk an die Familie. Dafür gibt es Heiligabend nichts. Dieses Gerät beherrsche es wie kein anderes, den Staub zu inhalieren, den das Leben produziert und zu uns nach Hause schickt. Seine Kollegin habe ihm den Tipp gegeben. Sie wisse ja, wie gerne er sauge. Und seit ihr Mann dieses Teil besitze, sei ihre Wohnung praktisch feinstaubfrei.

Ich habe nun den Verdacht, dass Staubsaugen eine große Sache geworden ist. Eine Männersache. Etwas Urmännliches. Und Kind 1 macht auch schon mit. Es hat den maskulinen Staubsauger mit sämtlichen Wechselbürsten im Wohnzimmer ausgebreitet wie ein junger Künstler sein unverstandenes Kunstprojekt.

Ich wollte es wegräumen, aber der Junge erklärte, er erwarte gleich seinen Kumpel. Man wolle ein bisschen was zusammen einsaugen. Ein schönes Gerät, keine Frage. Ich lag vor dem Sofa und sah zu, wie das Maul die Wollmäuse einatmete. Dank der Turbotaste muss man den Rüssel nur noch ruhig halten, und der Dreck kommt angeschwebt. Noch ein Gang drauf, und das Ding würde Corona-Aerosole wegschnüffeln. Ich spürte etwas Großes. Dass ich die Evolution in den Händen halte. Da kam Kind 1 und nahm den Turbo raus. „Du machst den Motor kaputt“, sagte der Junge, und ich begriff. Vielleicht gehört zur nächsten Stufe dieser Evolution ein Mensch, der sich auskennt. Vielleicht wird Kind 1 Staubsauger, vielleicht wird er Staubsaugen studieren. Auch der Vater wäre ein guter Sauger geworden.

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